JON KESSLER – In der medialen Vorhölle

JON KESSLER - The Palace at 4 AM 
Panoptikum verzerrter Wirklichkeit als mediale Vorhölle

The Palace at 4 A.M. lautet der Titel der Videoinstallation, die Jon Kessler auf 1000 qm in den Räumen der Sammlung Falckenberg installiert hat. 2005/2006 wurde sie bereits im Projektraum P.S.1 des MoMA in New York gezeigt und untersucht die gesellschaftliche Rolle der Medien als Instrument der Meinungsbildung und der Überwachung in Politik und Werbung.


Mit Hilfe von Überwachungskamera und kinetischer Skulpturen schafft Kessler eine mechanische Bildproduktion, die dem Betrachter die Verbindung zwischen dem realen und dem medialen Bild in eindringlicher Weise verdeutlicht. Die Offenlegung der technischen Geräte und Verkabelung verstärkt die oszillierende Wahrnehmung zwischen Realität und Fiktion.

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Albtraumhafte Reflexion

Die ausufernde, globale Gestalt des Chaos der Bilder, die unser aktuelles Weltbild prägen.

THE PALACE AT 4 A.M. (Der Palast um vier Uhr morgens) ist eine Installation aus 40 kinetischen Plastiken, mit rund 60 Überwachungskameras, die den Betrachter in seiner Interaktion mit dem Werk festhalten, 300 Monitoren (die die Aufnahmen in Echtzeit wieder ausspucken) und annähernd 50 Aluminiumblechobjekten.

VIDEO | Jon Kessler –  The Palace at 4 A.M. | Sammlung Falckenberg, 2014


JON KESSLER – Das Überleben der Bilder

PAMELA M. LEE  für Parkett No. 79 / 2007 | Artikel lesen ( pdf – Format )

„Als passender Ort im Weltgeschehen dient dabei der Irak. Und wie die Spiegel, die entsprechendes Bildmaterial quer durch die verschiedenen Ausstellungsräume vervielfältigen, ist das Bild, das THE PALACE AT 4 A.M. zeichnet, ein überaus verheerendes. Die hässliche, überdimensionale Visage von George W. Bush und Konsorten, deren Konterfeis auf Reklametafelformat vergrössert und mit dem Wort «WAR», Krieg, auf der Stirn überschmiert sind, ist dabei noch das Geringste. Eine Reihe lärmender Fernsehgeräte (THEATER OF IDEAS, 2005) vermittelt das Gefühl, dass unsere Welt eine unendlich vermittelte Welt ist, während eine Gestalt mit einer Kapuze an die unmenschliche Ikonographie von Abu Ghraib erinnert.“

[ PAMELA M. LEE
(Associate Professor für Kunst und Kunstgeschichte an der Stanford University, USA)
für PARKETT No. 79 / 2007 (Übersetzung: Bram Opstelten) ]


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KATALOG | JON KESSLER.
The Palace at 4 AM

Gebundene Ausgabe
144 Seiten
Sprache: English
1,7 x 21,4 x 27,3 cm


Jon Kesslers „The Palace at 4 A.M.“, 2006 im New Yorker P.S.1 Contemporary Art Center gezeigt, ist eine schwindelerregende Anordnung von Hunderten von Monitoren, Überwachungskameras und kilometerlangen Strom- und Videokabeln, die den Betrachter gleichzeitig zum Voyeur, Exhibitionisten, Zuschauer und überwachten Subjekt machen. Mechanische Skulpturen, die mit Kameras ausgestattet sind, erzeugen Live-Videobilder, die der Betrachter in Echtzeit erlebt. Bilder aus Zeitschriften, Spielzeug und andere Fundstücke werden neu kombiniert, um die Schrecken und Heucheleien des Irak-Kriegs und des Hurrikans Katrina sowie das Leben in einer Kultur, die von einer übermäßig gesättigten Medienerfahrung abhängig ist, nachzuahmen, zu entlarven und zu untergraben.

Dieser Band dokumentiert das von der Kritik gefeierte Projekt und enthält Essays von Alanna Heiss, Hal Foster, Harald Falckenberg und anderen.


VIDEO | Jon Kessler –  The Palace at 4 A.M. | MoMA New York 2006

Das P.S.1 Contemporary Art Center präsentierte in 2005/2006 The Palace at 4 A.M., eine ortsspezifische Installation des in New York lebenden Künstlers Jon Kessler. Diese für das P.S.1 konzipierte Ausstellung erweiterte die jüngste Werkserie des Künstlers mit dem Titel Global Village Idiot, die im Frühjahr 2004 von der Kritik gefeiert wurde, erheblich. Die Installation im P.S.1 war bis dahin die größte und komplexeste, die Kessler je vollendet hat, und es war sein erster musealer Einzelauftritt in New York.

Kesslers Werk bezieht sich auf Themen, die für die heutige Gesellschaft relevant sind, darunter Politik, Krieg, Werbung, Propaganda und Überwachung, und versetzt den Betrachter direkt in eine komplexe visuelle Erfahrung. Die Inspirations- und Informationsquellen sind vielfältig und umfassen Kabuki, Apocalypse Now und Reality-TV wie The Swan, The Palace at 4 A.M. und sprechen letztlich die Geschichte der Bildproduktion und der Darstellungen von Kriegsführung an.

Die Ausstellung erforscht die Entfremdung unserer Gesellschaft vom Realen, wie zuletzt Over There, ein neues Fernsehdrama, das den weiter wütenden Krieg im Irak dokumentiert. Der Zuschauer soll das Stück so erleben, als würde er seinen Kopf in einen Fernseher stecken, der dabei ist, von einem Sender überspielt zu werden. Kessler: „Mein Ziel ist es, eine Art visuellen Journalismus der letzten vier Jahre zu schaffen, in dem unter dieser Fülle von Stimuli eine Untersuchung darüber stattfindet, wie die Bilder, die unsere Realitäten und Träume besetzen, konstruiert und manipuliert werden“, so Kessler.

Ausgehend von der doppelten Vorstellung von Dekonstruktion und Wiederaufbau wird dieser Konflikt und diese Beziehung in der komplizierten Infrastruktur des Palastes um 4 Uhr morgens sofort sichtbar. Kesslers Werk, das sich in einer großen Galerie mit angrenzenden Ausstellungsräumen an der Peripherie befindet, besteht aus einem Netzwerk kinetischer Skulpturen, in die jeweils Überwachungskameras integriert sind, die mit den Bewegungen der Skulpturen zusammenwirken, um Videobilder zu erzeugen, die in Echtzeit ablaufen.

JON KESSLER - The Palace at 4 AM [ Ausschnitt ] photo: Jens Ullheimer
Variable Videoinstallation
Panoptikum verzerrter Wirklichkeit als mediale Vorhölle

In der Mitte der Hauptgalerie, der zentralen Nervenbank, prägt der Künstler einen „Termitenhügel“ aus Bildern. Aktionen und Bilder, die live in peripheren Bereichen (wie auch im Hauptraum selbst) entstehen, werden gleichzeitig auf Monitoren und Bildschirmen im Zentralnerv dargestellt. Diese Informationen werden ständig zusammengetragen und wieder zusammengesetzt, was zu Szenen führt, die ungewohnt, verwirrend und manchmal gefährlich erscheinen.

Alle Apparate, die für The Palace at 4 A.M. verwendet werden, sind gut sichtbar. So bilden die Drähte, Getriebe, Kameras, Motoren usw. den Körper des Werkes selbst, wodurch eine weitere doppelte Beziehung entsteht. Obwohl Kessler die physische Struktur entmystifiziert, dient sie auch dazu, seine Manipulationen weiter zu mystifizieren; der Betrachter muss sich darauf verlassen können, dass er über die Kraft jedes Bildes nachdenkt, obwohl alles für das Auge sichtbar ist.


Jon Kessler

wurde 1957 in Yonkers, New York, geboren.

Er hat zahlreiche Ausstellungen in Galerien und Museen auf der ganzen Welt gemacht und viele bedeutende Auszeichnungen erhalten, darunter Stipendien der Guggenheim Foundation und des National Endowment for the Arts.

Er ist in vielen der wichtigsten Museumssammlungen des Landes vertreten, darunter das Museum of Modern Art in New York, das Whitney Museum of American Art und das Museum für Zeitgenössische Kunst in Los Angeles.


SAMMLUNG FALCKENBERG
Wilstorfer Straße 71
Phoenix-Hallen
Hamburg-Harburg

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