Zur Geschichte des Wartesaals im Harburger Fernbahnhof

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Foto: Kunstverein Harburger Bahnhof

Der denkmalwürdige Ausstellungsraum des Kunstvereins Harburger Bahnhof wurde im späten 19. Jahrhundert erbaut. Es handelt sich um den letzten vollständig erhaltenen Hamburger Bahnhofswartesaal dieser Zeit.

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Der Kunstverein Harburger Bahnhof zog 1999 in einen der ehemaligen Wartesäle des Harburger Fernbahnhofs ein. Dieser beeindruckende Raum mit über 300 Quadratmetern Fläche und einer sieben Meter hohen Kassettendecke aus Holz wurde 1897 für die Wartenden erster Klasse erbaut. Nach verschiedenen Nutzungen bis Ende der neunziger Jahre steht heute junge, zeitgenössische Kunst im Fokus. Dabei bleiben Historie, Architektur und Bahnhofskontext als Anknüpfungspunkte für die künstlerische Produktion vor Ort relevant.

Als am 1. Mai 1897 der Harburger Fernbahnhof in Betrieb genommen wurde, öffneten auch die dortigen Wartesäle ihre Pforten für ankommende Besucher. Damals noch in vier Klassen unterteilt, befand sich im nördlichen Teil des Bahnhofs der Wartesaal der dritten und vierten Klasse. Die ersten und zweiten Klassen warteten im südlichen, größeren und prächtigeren Saal, dem heutigen Sitz des Kunstvereins Harburg Bahnhof. Ein Reiseführer befand 1907, dass der Wartesaal wohl „zu den schönsten seiner Art in Deutschland zählen“ dürfte.

Der ehemalige Wartesaal erster und zweiter Klasse stellt heute die einzige erhaltene Bahnhofswartehalle aus dem 19. Jahrhundert im Hamburger Raum dar und bietet den Besuchern eine beeindruckende, freistehende Deckenkonstruktion mit Kassettenelementen aus Holz. Der Raum ist mit dem Literaturhaus einer der wenigen gut erhaltenen Versammlungsräume dieser Art in Hamburg. Die hohen weißen Wände werden von dekorativen Elementen geziert und die groß angelegten Fenster tragen zu dem imposanten Eindruck des Raumes bei.

Damals erstreckte sich in dem weitläufigen Warteraum ein elegantes Restaurant, das seinen Gästen eine Auswahl exklusiver Weine und ausgefallener Speisen, wie beispielsweise Schildkrötensuppe, Enten-Salmi, Hummer, Hammelrücken und Steinbutt anbot. Mit Palmen dekoriert orientierte man sich bei der Gestaltung der großzügigen, teilweise holzvertäfelten Räumlichkeiten am Exotismus und Kolonialstil des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Diese sollten es den Reisenden schon während des Wartens ermöglichen aus der Alltäglichkeit zu fliehen und sich der Sehnsucht nach der Ferne hinzugeben – so die damalige, romantisierende Perspektive.

Der Architekt Hubert Stier (1838-1907) gestaltete den Wartesaal im Stil des Historismus. Dieser ahmte die Neo-Stile nach und kombinierte sie neu. Die ziegelfarbigen Backsteinbauten verweisen auf die Hannoversche Schule, die Teil des neugotischen Backsteinstils ist. Merkmale aus der Neorenaissance finden sich in Rundbögen, Pilastern, dunkeln Holzvertäfelungen sowie der Kassettendecke wieder.

Hubert Stiers Baustil prägt ebenfalls das Empfangsgebäude des Bahnhofs Hannover, den Palmengarten (Flora) in Berlin-Charlottenburg und das Kriegsdenkmal auf dem Marienberg bei Brandenburg.

Die hohen Säulen und die prächtige Wandgestaltung in Form von großformatigen Herrscherporträts hob die prunkvolle Atmosphäre zusätzlich hervor. An den Wänden hingen Gemälde von Kaiser Wilhelm II. und dessen Gemahlin, Kaiser Wilhelm I., Kaiser Friedrich III., Fürst Bismarck und Graf Moltke. Im Zuge des Zweiten Weltkrieges wurden die Gemälde entfernt – Näheres ist bislang nicht bekannt – und der Saal geriet in den folgenden Jahrzehnten in Vergessenheit. Eine Zeitlang befand sich in den Räumlichkeiten wieder ein Restaurant und danach eine Spielhalle, bevor man sich 1988 seiner einstigen Bestimmung zurückerinnerte und dort wiederum ein Wartesaal entstand, der jedoch weniger eindrucksvoll war als zuvor.

Seit 1999 befindet sich in diesen Räumlichkeiten der Kunstverein Harburger Bahnhof. Mit seiner Größe von etwa 356 Quadratmetern und sieben Metern Deckenhöhe wird der damalige Wartesaal heute als Ausstellungsraum zur Förderung und Vermittlung junger, zeitgenössischer Kunst genutzt: Damit bleibt der Saal den Reisenden als Ort zum Verweilen in einem gewissen Rahmen erhalten.

Presseinformation des Kunstvereins Harburger Bahnhof

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