HARBURG von 1970 bis heute | Wolfgang Becker und Gerhard Szczepaniak

Lüneburger Str, 1970er Jahre | Jetzt Fußgängerzone | Foto: Gerhard Szczepaniak

Harburg – die verlorene Stadt? Glaubt man Zeitzeugen, so hatte das einstige hannoversche Provinzstädtchen vor dem Zweiten Weltkrieg noch Flair und Atmosphäre. Nach dem Krieg und dem Wiederaufbau sei es in den 1970er Jahren erneut „zerstört“ worden – diesmal von den Stadtplanern, die den Innenstadtring und die S-Bahn bauen ließen.


Dieses Buch will mit dem Mythos vom „alten, schönen“ Harburg aufräumen. Der heimische Fotograf Gerhard Sczcepaniak zeigt, dass Harburg nicht nur verloren, sondern an vielen Stellen auch gewonnen hat – eine Reise in die jüngere Vergangenheit mit vielen Schlaglichtern auf die Gegenwart.

Die Analyse einer umwälzenden Entwicklung, die noch lange nicht abgeschlossen ist, liefert der HAN-Journalist Wolfgang Becker. Eine kurze Chronik von Ralf Busch bietet den Einstieg in Harburgs wechselvolle Geschichte.

FOTO-BUCH | Harburg
von 1970 bis heute

Mit Fotografien von Gerhard Szczepaniak,
Texten von Wolfgang Becker und
einer Chronik von Ralf Busch

Gebundene Ausgabe, Hardcover

LESEPROBE mit Fotos

96 Seiten
ca. 130 farb. Fotos
Verlag: Medien-Verlag Schubert (1. Januar 2000)
Sprache: Deutsch
21,5 x 1,5 x 28,7 cm


Alexander Braun
5,0 von 5 Sternen | Sehr interessantes Buch
Rezension vom 25. April 2008

„Dieses Buch zeigt in sehr vielen tollen Bildern, wie sich Harburg in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Vor allem wenn man diese Zeit nicht miterlebt hat führt es einen gut vor Augen, wie Harburg früher aussah. Mir hat dieses Buch sehr gut gefallen, weil es fast keine Entwicklung in dem Zeitraum auslässt. Einzig den Bau der Harburger Umgehung in den 80ern hab ich vermisst, was aber den Eindruck keineswegs trübt. Auf jeden Fall eine Pflichtlektüre für jeden Harburger.“


Die Texte und Kommentare zu den Fotos hat der gebürtige Harburger Wolfgang Becker, Jahrgang 1957, geschrieben. Der ehemalige Redakteur der Harburger Anzeigen und Nachrichten verfolgte seit Jahren die Harburger Stadtplanung und die politische Wegbereitung aus nächster Nähe.  Unter dem Titel „Harburg, wie hast du dich verändert“ hat er 1997 ein Buch veröffentlicht, in dem historische Harburger Ansichten den aktuellen Gegebenheiten gegenübergestellt werden.

Der Bildband „Harburg – die verlorene Stadt?“ beruht auf der umfangreichen Foto-Sammlung, die der Bostelbeker Gerhard Szczepaniak in mehreren Jahrzehnten zusammengetragen hat. Der gebürtige Harburger, Jahrgang 1926, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die architektonische und städtebauliche Entwicklung „seiner Stadt“ festzuhalten und zu dokumentieren. Sein Archiv umfasst mehrere 1000 Fotografien. Sie belegen die Entwicklung Harburgs ab 1960. Für sein fotografisches Gespür wurde Gerhard Szczepaniak mehrfach bei Wettbewerben ausgezeichnet.


Einkaufen in Harburg – die Lüneburger Straße

Auszug aus dem Buch

Wolfgang Becker

„Wer glaubte, die neue Fußgängerzone würde der Geschäftswelt zu höheren Umsätzen verhelfen, der sah sich getäuscht.

Immer wieder war schon im Vorfeld der Planungen bemängelt worden, dass der Branchen-Mix nicht stimme. Ein Grund: Viele alteingesessene Geschäfte, die nach dem Krieg das Bild in der Innenstadt prägten, sind längst verschwunden. Sie mussten den Platz räumen, um den billigeren und zahlungskräftigeren Filialisten das Feld zu überlassen – eine Entwicklung, die im Übrigen auch in Hamburg immer wieder Opfer fordert. Selbst Harburgensien wie das Schuhhaus Raczka, jahrzehntelang eine Festung auf dem Schlachtfeld der Schuh-Filialisten, hat mittlerweile aufgesteckt. Dasselbe gilt für das Traditionshaus Sobottka (Haushaltswaren, Porzellan, Glas, Bestecke), ein angesehenes Familienunternehmen, das mittlerweile unter Beibehaltung des Namens von WMF geführt wird.

Auch unter einem anderen Gesichtspunkt hat sich die Lüneburger Straße verändert. Sie ist zum Spiegelbild der multikulturellen Gesellschaft geworden, die in Harburg besonders stark zum Tragen kommt.

Zurückzuführen ist dies auf die Geschichte Harburgs als Industriestandort. In den 60- und 70er-Jahren wurden viele Menschen aus dem Ausland, insbesondere aus der Türkei, angeworben, um in Harburg zu arbeiten. Sie kamen als Gast, hüteten ihre Traditionen – und blieben auch, als die Zeiten auf dem Arbeitsmarkt schlechter wurden. Sie gründeten Familien, und heute leben in Harburg bereits zwei Generationen, die die Heimat der Eltern und Großeltern allenfalls aus dem Urlaub kennen. Während in Wilhelmsburg mittlerweile mehr als jeder vierte Einwohner Ausländer oder ausländischer Herkunft ist und ganze StraDiese Perspektive der Lünburger Straße belegt: Einige alte Namen sind noch geläufig. Die Firma Konerding (Gardinen, Bodenbeläge, Betten) hielt sich allen Widrigkeiten zum Trotz immerhin bis ins Jahr 2000, mittlerweile wurde das Geschäft mangels Nachfolger aufgegeben. Die dahinter liegende Adler-Apotheke gibt es noch. Das Schuhhaus Raczka ist zwar ebenfalls noch existent, aber nicht mehr im Familienbesitz. Rechts ist noch ein Teil des Namens Feuerhahn zu lesen. Das Geschäft zog später in den neuen City-Block ein. Der Filialist Dyckhoff, viele Jahre in Harburg etabliert, ist mittlerweile Pleite.

Ein Stück Harburg verschwindet: die Abriss-Arbeiten an der Lüneburger Straße, Ecke Großer Schippsee. Im Hintergrund ist das Kaufhaus Karstadt zu sehen.

41 ßenzüge fest in türkischer Hand sind, zeichnet sich in Harburg – ganz ohne Wertung – zumindest eine gewisse Prägung des Stadtbildes ab, die unter anderem einhergeht mit türkischen Gemüseläden und DönerBuden in vergleichsweise teuren Lagen.

Wer also zurückschaut, muss zweierlei feststellen: Zum einen ist Harburg immer weit davon entfernt gewesen, als architektonisches Weltkulturerbe anerkannt zu werden.

Viele vertraute Ecken in der Innenstadt, speziell auch in der Lüneburger Straße, haben allenfalls Erinnerungswert. Zum anderen haben sich auch die Menschen geändert.

Den „typischen Harburger“, wie er vielleicht noch in den 60er-Jahren zum Einkaufen in die Lüneburger Straße ging, gibt es nicht mehr. Diese Spezies dürfte weitgehend ausgestorben sein. Harburg präsentiert sich Besuchern zunehmend multikulturell.“


Mit der S-Bahn und dem Ring geht es in Harburg rund

Auszug aus dem Buch

Wolfgang Becker

„Nachdem sich Harburg in den 60er-Jahren und Anfang der 70er einigermaßen berappelt hatte und das städtische Leben weitgehend normal funktionierte, fegte ein zweiter Sturm mitten hindurch.

Als Folge der zunehmenden Verkehrsdichte und der umständlichen Verbindungen nach Hamburg begann im Mai 1975 mit dem ersten Rammschlag in der Lauterbachstraße der lang ersehnte Bau der SBahn-Strecke auf Harburger Stadtgebiet.

Die neue Ära startete unspektakulär mit vielen Vorschusslorbeeren und Baggerarbeiten. Aber schon bald sollten die Harburger erkennen, wie aus den zunächst kleinen Löchern riesige Gruben wurden, die sich quer durch die vertraute und lieb gewonnene Stadt fressen würden. Häuser wurden abgerissen, ganze Straßen verschwanden. Wege wurden abgeschnitten, Umleitungen geschaffen.

Die Baugrube, auf deren Grund der S-Bahntunnel und die Bahnsteige betoniert wurden, glich einer riesigen Wunde. Und doch überwog in jenen Jahren der Optimismus. Alles würde neu, alles würde besser. Harburg, so lautete die Prognose, würde nun auch für Hamburger beträchtlich an Attraktivität gewinnen.

Allerdings funktionierte die neue Verbindung auch in entgegengesetzter Richtung: Die Hamburger City war nun binnen 18 Minuten bequem auch für Harburger erreichbar. Zuvor hatte diese Tour inklusive Umsteigen vom Bus auf die Pendelzüge mehr als eine halbe Stunde in Anspruch genommen.

Der Handel argwöhnte demnach zu Recht ein Abfließen der Kaufkraft. Aus heutiger Sicht hat sich diese Sorge bestätigt, wobei der S-Bahn allein dafür nicht die Schuld gegeben werden kann.“

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