Hamburg war eines der wirtschaftlichen Zentren des europรคischen Kolonialismus. Viele der Waren und Rohstoffe aus Kolonien, die รผber den Hafen in die Stadt gelangten, wurden in der hiesigen Industrie verarbeitet. Einige Hamburger Unternehmen waren deutschland- oder auch europaweit fรผhrend in der industriellen Verarbeitung von Kautschuk, tropischen รlen und Fetten, Kakao und Elfenbein. In Harburg z. B. die PHOENIX AG, die New-York Hamburger Gummi-Waaren-Compagnie und die HOBUM im Binnenhafen.
Das Projekt โMAHNMAL zum kolonialen Erbe der Stadt Harburgโ
Der Harburger Binnenhafen war Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts Teil von kolonialen Handelsnetzwerken. Um diese koloniale Geschichte aufzuarbeiten, soll in den kommenden Jahren vom Bezirk Harburg, gemeinsam mit den Harburger:innen, ein Konzept entwickelt werden.
Fรผr die Konzeptentwicklung zur Schaffung eines Mahnmals bzw. eines Erinnerungsortes zum kolonialen Erbe der ehemals unabhรคngigen Stadt Harburg (Ihren Stadtstatus verlor Harburg im Rahmen des Groร-Hamburg-Gesetzes 1938) sind in den Jahren 2023 und 2024 verschiedene Denkwerkstรคtten an der Schnittstelle von Kultur, Kunst, Politik und Wissenschaft geplant. Angestrebt wird ein Dialog zwischen Anwohner:innen, Nachfahr:innen von Personen aus kolonialisierten Lรคndern, Kรผnstler:innen, Kurator:innen, Kulturschaffenden, Historiker:innen, Sozialwissenschaftler:innen und Kulturwissenschaftler:innen, aber auch Akteur:innen aus der politischen Bildungs- und der lokalen Sozialarbeit sowie aus dem Wirkungskreis des Harburger Binnenhafens.
Fรผr die Konzeptentwicklung werden die Stimmen verschiedener Stadtteilรถffentlichkeiten aktiv einbezogen. Ihre Meinungen, Einschรคtzungen und Gedanken in Bezug auf die Neukontextualisierung und Dekolonisierung des Harburger Binnenhafen kรถnnen Sie bereits jetzt per Mail unter [email protected] an das Projekt senden.
Harburgs Kolonialgeschichte: Vorgegebene Ergebnisse mit gut dotierten Posten?
Andrรฉ Zand Vakili fรผr Harburg Aktuell, 24. April 2023 | Kommentar lesen
„Man darf sich fragen: Was kommt bei der wissenschaftlichen Aufarbeitung, auรer zwei gut dotierte Posten, รผberhaupt raus? Fragen dรผrfte man auch, warum man sich nicht an das Harburger Stadtmuseum gewandt hat und dort die Aufarbeitung anbindet, da absehbar ein nicht unerheblicher Teil der relevanten Unterlagen dort archiviert sein dรผrften oder warum die Forschungsstelle an der Uni Hamburg, die sich mit der kolonialen Vergangenheit Hamburgs beschรคftigt, nicht einfach das Ergebnis ihrer Erkenntnisse mitteilen kann.
Denn die gibt es offenbar. So haben SPD und Grรผne im April 2021 in einem gemeinsamen Antrag zur Kolonialgeschichte festgestellt: „In Hamburg ist dieser Aufarbeitungsprozess bereits weit fortgeschritten“.“
Grenzenlos. Kolonialismus, Industrie und Widerstand
Mit einer Sonderausstellung hat das Museum der Arbeit bereits im April 2021 einen Beitrag zur aktuellen Debatte รผber den Umgang Hamburgs mit seiner kolonialen Geschichte und zur Diskussion รผber die langfristigen Folgen kolonialer Herrschaftsstrukturen geleistet.
Insbesondere seit dem 19. Jahrhundert konsumierten zahlreiche Menschen in Europa die daraus hergestellten Produkte. Doch wer denkt bei einem Hartgummi-Kamm schon an Plantagen in Kamerun, wer sieht in der Margarine oder der Christbaumkerze eine Verbindung zu Nigeria, wer erkennt in der Seife einen Bezug zu Samoa? Unsichtbar sind auch das Wissen und die Arbeit der Menschen in den Kolonien sowie die koloniale Gewalt und das mit ihr verbundene Leid.
Die Menschen in den Kolonien gewannen Kautschuk, รle, Kakao und Elfenbein fรผr Hamburgs koloniale Industrie unter den Bedingungen einer rassistischen Gewaltherrschaft. Sie wurden versklavt, zur Arbeit auf Plantagen und in Karawanen gezwungen, ihrer Existenzgrundlage beraubt und vertrieben. Sie leisteten individuell und kollektiv Widerstand, sei es in Protesten oder Petitionen, durch Flucht, Sabotage oder mit der Waffe.
Vor 150 Jahren begann in Hamburg die Verarbeitung von Kautschuk zu Hart- und Weichgummiprodukten. Dies war zugleich er Ausgangspunkt einschneidender Verรคnderungen fรผr die Stadt: Mit den ersten Gummifabriken wurde Hamburg zum Industriestandort und verรคnderte sein Gesicht in wenigen Jahrzehnten vollstรคndig.
Jรผrgen Ellermeyer hat die Regionalgeschichte des revolutionรคren Werkstoffs „Gummi“ und seiner Verarbeitung jahrelang praxisnah erforscht. Die Frรผchte dieser intensiven Beschรคftigung legt er mit diesem Buch vor, das zugleich als Begleitband der Sonderausstellung „Gib Gummi! Kautschukindistrie und Hamburg“ im Hamburger Museum der Arbeit 2006/2007 diente. Mit 200 Farbabbildungen werden darin die faszinierend vielfรคltige Welt des Gummis und der enge Zusammenhang von industrieller und stรคdtebaulich-sozialer Entwicklung anschaulich und spannend erzรคhlt.
Die industrielle Entwicklung zahlreicher europรคischer und deutscher Regionen war seit dem 17. und insbesondere im 19. Jahrhundert von der Verarbeitung von Rohstoffen aus kolonisierten Gebieten geprรคgt. Auch fรผr Hamburg war diese koloniale Industrie von groรer wirtschaftlicher Bedeutung.
Den historischen Ausgangspunkt der Ausstellung bildet die Verarbeitung von Kautschuk, Palmรถl und Kokosรถl durch hamburgische Unternehmen, die u.a. auf dem heutigen Gelรคnde des Museums der Arbeit, der ehemaligen New-York Hamburger Gummiwaaren-Fabrik, aber auch in Harburg und Wandsbek ansรคssig waren. Sie stellten seit dem spรคten 19. Jahrhundert neben Hartgummikรคmmen, Badehauben, Regenschirmen und Margarine Fertiglebensmittel, Kerzen und Seife her โ industriell gefertigte Alltagsprodukte, bei denen die kolonialen Bezรผge nicht sofort ins Auge fallen, deren Rohstoffe jedoch unmittelbar mit dem deutschen und europรคischen Kolonialismus verflochten sind.
Die Geschichte und Stadtentwicklung Harburgs ist spรคtestens seit dieser Zeit kaum anders als in globaler Perspektive zu verstehen, wird aber bisher kaum so wahrgenommen. Ein erheblicher Teil der Aufstiegsgeschichte Harburgs als bedeutender Industriestandort spielt in Westafrika, Ostafrika, Sรผdostasien und Sรผdamerika. Daher tut es gut, dorthin im Sinne eines fairen โNord-Sรผd-Dialogsโ und einer kritischen Aufarbeitung kolonialer Traditionen von Harburg aus Verbindungen aufzubauen und zu pflegen. รber das Konzept des Projekts afrika-hamburg.de ist dies รผber das Internet fรผr viele, auch fรผr Schulklassen, mรถglich:
Werbeabbildung der Harburger Gummi-Kamm Co von 1880 via SHMH
„Die Werbeabbildung von 1880 auf dem Depotkasten der Harburger Gummi-Kamm Co. verklรคrt das Sammeln und Verarbeiten des Kautschuk im Urwald zu einer Idylle der edlen Wilden. Stattdessen zapften die Arbeiter im Urwald in einem muฬhseligen Prozess die Latexmilch und rรคucherten sie zu Kautschukklumpen, die dann nach Europa verschifft und dort weiterverarbeitet wurden.“
SHMH
Afrikanische Arbeiter und Decksleute platziert zu Fรผรen der europรคischen Kapitรคne und Maschinisten der Firma G.L. Gaiser ( Begrรผnder der Harburger Palmรถlindustrie ) nahe der groรen Palmรถlhandelsfaktorei des Unternehmens bei Lagos Marina in Westafrika, 1885
Vor diesem Hintergrund stellt die Ausstellung dem gรคngigen und verharmlosenden Narrativ einer hanseatischen โKaufmannsindustrieโ die gewaltvollen Realitรคten des Kolonialismus, aber auch die Widerstรคndigkeit der betroffenen Menschen gegenรผber.
Zentral ist dabei das Thema der kolonialen Zwangsarbeit: Kolonien waren fรผr die beteiligten Hamburger Unternehmen vor allem dann profitabel, wenn diese einen uneingeschrรคnkten Zugriff auf die Arbeitskraft der dort lebenden Menschen gewannen. Dies fรผhrte zu unmenschlichen Arbeitsbedingungen, zur Zerstรถrung traditioneller Wirtschaftsformen und Gesellschaften, zu Hungersnรถten, Flucht und Vertreibungen, aber auch zu Protesten und Aufstรคnden der Kolonisierten.
Die Ausstellung gibt insbesondere jenen Akteurinnen und Akteuren Raum, die in bisherigen Darstellungen nicht angemessen reprรคsentiert sind: Arbeiterinnen und Arbeitern, die gegen ihre Arbeits- und Lebensbedingungen protestierten oder vor Zwangsarbeit flohen ebenso wie lokalen Eliten, die sich gegen die รbergriffe der Kolonisierenden wehrten.
„Turnschuhe waren neben Gummistiefeln ein markanter Artikel der 1856 gegrรผndeten Phoenix Werke in Harburg. Aus kautschukgetrรคnktem Leinen hergestellt, waren sie wasserfester und elastischer als lederne Schuhe.“
SHMH
Das Ziel der Ausstellung ist es, einer breiten รffentlichkeit die Verflechtung der hamburgischen Wirtschaftsgeschichte mit dem europรคischen Kolonialismus nahe zu bringen und so einen verantwortungsvollen und zeitgemรครen Blick auf die hamburgische Stadt- und Industriegeschichte zu ermรถglichen.
Damit verbunden ist der Anspruch, einen eurozentristischen*** Blickwinkel auf das Thema konsequent herauszufordern und die Perspektiven der Menschen in kolonisierten Lรคndern sowie ihrer Nachfahren in die Ausstellung mit einzubeziehen. Das Konzept und die Inhalte der Ausstellung wurden deshalb gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Expertinnen und Experten erarbeitet. Ihre Partizipation ergรคnzt die Arbeit des Museumsteams um Wissensbestรคnde und Erfahrungen, die dort bisher noch unterreprรคsentiert sind: eine intensive Beschรคftigung mit der hamburgischen Kolonialgeschichte und deren Spuren in der Stadt, biographische Bezรผge in die ehemalige Kolonialgebiete sowie Rassismus-Erfahrungen in einer weiรen Mehrheitsgesellschaft.
*** Unter Eurozentrismus versteht man die ideologische Beurteilung inner- und auรereuropรคischer Gesellschaften nach europรคischen Vorstellungen; demnach auf der Grundlage der von Europรคern entwickelten Werte und Normen. Wikipedia
Deutschland war das drittgrรถรte Kolonialreich der Welt, Hamburg als Hansestadt profitierte davon besonders. Den Preis fรผr die industrielle Blรผte zahlte die indigene Bevรถlkerung in den Kolonien. Diese lieferten nicht nur Rohstoffe, sie waren auch Absatzmรคrkte, wie eine Ausstellung in Hamburg nun zeigt.
Gewaltsame Landnahme, Vertreibung einheimischer Bevรถlkerung, Ausbeutung wirtschaftlicher Ressourcen und Menschenverachtung. Bausteine des Kolonialismus, die Hamburg und die Unternehmen reich gemacht haben, sagt Sandra Schรผrmann:
โUnd Hamburg ist immer noch eine der Stรคdte, die von den neokolonialen Strukturen ganz stark profitiert, รผber den Hafen, aber auch รผber die Industrien, die sich hier rund um den Hafen angesiedelt haben und die ihre Rohstoffe รผber den Hafen bekommen und bekommen haben.โ
Ein weiteres Massenprodukt, das รผber den Hamburger Hafen gehandelt wurde, war Palmรถl. 1859 grรผndete der Unternehmer Gottlieb Leonard Gaiser in Harburg die erste รlmรผhle, die ausschlieรlich tropische รlsaaten verarbeitete, sagt Stefan Rahner. Gaisers Geschichte wird in der Hamburger Ausstellung erzรคhlt.
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