RAINER JOGSCHIES | Gegen-Kultur? Eine kleine Harburger Krautologie der Deutschen Pop-Kultur

Waren wir die Gegen-Kultur? Oder bloß gegen Kultur? Ein Kaleidoskop der Pop-Siebziger

Rainer Jogschies | Anfang der 1970er an der Les Paul | Foto: Buch-Cover

Waren die Siebziger das Jahrzehnt der „Gegen-Kultur“? Einer ihrer Protagonisten, der spätere Harburger Pop-Journalist und frühere Rock-Gitarrist Rainer Jogschies, erinnert sich an die Umstände, unter denen dies unzutreffende Image geprägt wurde. In der Reihe „Kleine Krautologie“ sind die Bände 1 und 2 im Heimfelder Nachttischbuch-Verlag erschienen.


In den Siebzigern war so Manches ohne jedes Taktgefühl bereits „abgerockt“. Eine ebenso komisch-tragische, wie persönlich-politische Bilanz der besonderen deutschen „Sub-Kultur“.

Ab Beginn der Siebzigerjahre erlebte der damals sechzehnjährige Rainer Jogschies das Entstehen einer „deutschen Popkultur“ aus erster Hand: Er gründete mehrere Bands und später eine „Musikerinitiative“. Der Norddeutsche Rundfunk berichtete über ihn in der damals beliebten Sendereihe Sympathy for the Devil. 1972 sorgte Horst Königstein mit „Sympathy for the Devil – Signale der Auflehnung“ für Aufsehen, einer 13-teiligen Dokumentationsreihe des Hessischen Rundfunks zur Jugendkultur.

AUDIO | CAN – Mother Sky, 1970

Doch was geschah damals wirklich? Wogegen war die „Gegen-Kultur“?

Nach inzwischen fünf Jahrzehnten mit immer kurioseren „Generationen“-Namen, sieht Rainer Jogschies nicht so sehr die allenthalben feststellbare „Professionalisierung“ der Szenen oder eine Normalisierung (von der „Subkultur“ zum Mainstream) als abgeschlossen an, sondern glaubt die Gegenkultur gerade erst in ihren Anfängen.

Erinnerungen an eine vergangene Zukunft, Harburg, Joachim und Horst

Im Nachttischbuch-Verlag erschien der Essay von Rainer Jogschies zur „Musiker-Initiativen-Bewegung der Siebzigerjahre (Reihe „Kleine Krautologie“, Bd. 1)

Waren wir die Gegen-Kultur? Oder bloß gegen Kultur?

LESEPROBE

Herausgeber : ‎ Nachttischbuch-Verlag; Originalausgabe Edition (11. März 2021)
Sprache ‏ : ‎ Deutsch
Taschenbuch ‏ : ‎ 328 Seiten
Abmessungen ‏ : ‎ 12.7 x 1.85 x 20.29 cm

Der Essayband illustriert mit vielen sehr persönlichen Erinnerungen eines Musiker-Initiativen-Protagonisten zugleich die tiefen Konflikte der „deutschen“ Pop-Musik-Geschichte mit der unbewältigten Geschichte der Bundesrepublik.

Überdies erzählt seine Hommage an (un)bekannte Weggefährten von deren Lebensentwürfen, voll der „Genialität“ und denkwürdiger Irrtümer.


Der Kosmos im ganz Kleinen…
Wo Sie mehr über die geschilderten Orte und Personen erfahren…

Der kleine Kosmos, der in Band 1 der Kleinen Krautologie immer wieder angesprochen wurde, ist kein fiktiver und eine ganz und gar nicht „empirischer“ Ort, sondern bloß Harburg.

Die kleinen, zitierten Geschichten aus dem Alltag im Stadtteil Hamburg-Harburg, beispielsweise über die Karriere von Clowns & Helden ( Post-Neue-Deutsche-Welle-Schlager), die aus der Band ZULU hervorgingen. Unter dem Pseudonym, P.S. erschien 1982 der Titel Halt mich fest

auf dem Harburger Cassetten-Sampler Gut Schlafen, Froh Erwachen. Bekannt wurden sie zunächst lediglich regional, der Gegend von Lüneburg und dem Süderelbe-Raum / Harburg, bis sie 1987 mit ihrer Single Ich liebe dich Gold-Status erreichten. Auch die soziale Entstehung von Widerstand, sei es vom in der Kirche angeketteten Kriegsdienstverweigerer Andreas oder „den Drogi“, der nur „Rabe“ genannt wurde, waren zuerst ausführlich nachzulesen in einigen seit den Achtzigerjahren im „Sonntagsblatt“, „stern“ und „vorwärts“ erschienenen Reportagen, die in einer aktualisierenden Textsammlung unter der früheren Postleitzahl 21 Hamburg 90 adressiert wurden (Berlin 2013, ISBN: 978-3-937550-22-0).

Einige der hier geschilderten Episoden „spielten“ am Rande der Fernseh-Features „Drei Gänge durch Deutschland“ (1994) u. a. mit Tamara Danz, Volkhard Knigge und Detlef Hoffmann und „Fünfzig Meter Große Freiheit“ (1995) u. a. mit Carsten Pape und Clemens-Maria Haas (beide Beiträge wurden vom NDR produziert).


Ein Plagiator klaut beim Pop… Guttenberg goes Purple

Warum sich ein Bundesverteidigungsminister mit Deep Purple „verabschiedete“
Guttenbergs Abschied als Bundesverteidigungsminister vor zehn Jahren

Der Essay Guttenberg goes Purple ist der zweite Band der Beiträge zur deutschen Pop-Kultur, Kleine Krautologie.

Er schildert die merkwürdigen Medien-Ereignisse um die „ehrenvolle“ Verabschiedung des Bundesverteidigungsministers zu Guttenberg am 11. März 2011 – er hatte sich den Song „Smoke on the Water“ von Deep Purple dafür gewünscht.

Warum macht ein „hochrangiger“ Politiker sowas? Selbst, wenn er gerade über eine windige Doktorarbeit gestolpert ist. Obendrein noch das falsche Zitieren ausgerechnet der „Pop-Geschichte“ überforderte seinerzeit offenbar die „politische Berichterstattung“, die ein Comeback vorhersah. Steht dies, nach einem Jahrzehnt, nun 2021 bevor?

Rainer Jogschies setzt die Interpretation seiner Medienkollegen in Beziehung zu „Pop-Geschichte“ und wichtigen Song-Zitaten oder dem mehr oder weniger korrekten Zitieren in und um Pop-Songs. Dies bunte Spiel mit bekannten Quellen und wenige geläufigen Diskursen unter Pop-Musikern eröffnet merkwürdigerweise ungewohnte Blicke auf das Politikgeschehen in der Bundesrepublik…

Guttenberg goes Purple.
Zapfenstreich des Bundesverteidigungsministers am 11. März 2011 sowie andere Vereinnahmungen der Pop-Geschichte

LESEPROBE

Herausgeber ‏ : ‎ Nachttischbuch-Verlag; Originalausgabe Edition (11. März 2021)
Sprache ‏ : ‎ Deutsch
Taschenbuch ‏ : ‎ 132 Seiten
Abmessungen ‏ : ‎ 12.7 x 0.79 x 20.29 cm

Der Essayband zum „Zapfenstreich“ des Bundesverteidigungsministers am 11. März 2011 sowie anderen Vereinnahmungen der „Pop-Geschichte“ umreisst mit vielen Details und Perspektiven die Notwendigkeit einer Debatte um die „politische“ und die „Pop-Kultur“ in der Bundesrepublik.

Was geschah eigentlich am 11. März 2011? Der Verteidigungsminister zu Guttenberg verabschiedete sich von seinem Amt mit einem Zapfenstreich und harter Rockmusik, samt einem Deep Purple-Song: „Smoke on the Water“.

Wieso bloß? Die großen Zeitungen der Republik waren voll der Deutungen: Es war wohl seine Jugend – er ließ es eben „noch mal krachen“!

Aber „gekracht“ hatte es an diesem Tag vor allem in Fukusihma. Von dieser Welt-Katastrophe war vergleichsweise weniger zu hören.

Rainer Jogschies war viele Jahre Pop-Journalist und leitete fünf „Dekadentagungen“ zur „Gegen-Kultur“. Seine amüsante Abrechnung mit einem Amtsträger, der auch noch Pop-Musik falsch zitiert, spiegelt über den Anlass hinaus das Unvermögen bundesrepublikanischer Politiker, mit Pop-Kultur und deren Integrität umzugehen. Die dreisten Vereinnahmungen häufen sich inzwischen, erzeugen aber wenig Verständnis. Sie vertiefen die jahrzehntealte Spaltung zwischen „Jugend“ und einer „Parteipolitik“-Blase.


Abb.: Rainer Jogschies

Von der „Subkultur“ zur „Musealisierung“? Ist es Zeit für ein (digitales) Archiv „deutscher“ Popmusik?

Das Wissen um die Entwicklung und Bedeutung von deutscher Rock- und Popkultur ist jedoch bislang weder systematisiert, noch katalogisiert oder gar der (internationalen) Wissenschaft erschlossen, was für eine künftige Entwicklung dieses Kultur- und Wirtschaftszweiges unverantwortbar ist. So lagern (und verrotten) in den „Schallarchiven“ der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Ton- und Bilddokumente nahezu aller bedeutsamen („deutschen“) Rockproduktionen, die einer restaurierenden oder bewahrenden Bearbeitung bedürften (beispielsweise durch Digitalisierung) und die sogar einer weiteren Verwertung im Sinne der Urheber erschlossen werden könnten.

Im Unterschied dazu sammelt die US-amerikanische Library of Congress systematisch „popular music“ aller Epochen zur freien Verfügung. Sie benennt jeweils den „Song of the Day“ und veranstaltet Konzerte mit bedeutenden Musikern. Die Bundesrepublik Deutschland hat mit den gerade erweiterten Nationalbibliotheken in Leipzig und Frankfurt/Main sowie dem Bundesfilmarchiv in Berlin vorbildliche Einrichtungen kultureller Pflege geschaffen und so die Sicherung wissenschaftlich (und wirtschaftlich) nutzbarer Quellen geleistet, die zudem die Rechtssituation der Verlage stützt. Für Neuveröffentlichungen gilt eine materiale Belegexemplar-Abgabepflicht.

Die Bundesregierung baut derzeit mit der Deutschen Digitalen Bibliothek eine staatliche, einmalige Einrichtung zur allgemeinen kulturellen Nutzung auf, die jedoch den Bestand der populären Kultur nur in Teilen berücksichtigen wird, obgleich hier eine kostengünstige nicht-materiale Archivierung denkbar und sinnvoll wäre.

Für den Bereich der deutschen Popmusik-Kultur fehlt eine vergleichbare Institution, die dem internationalen Ansehen und der gesellschaftlichen sowie wirtschaftlichen Bedeutung der Szenen gerecht wird und die zentraler und dienstleistender Anlaufpunkt für die (internationale) wissenschaftliche Rezeption und für die produzierende Wirtschaft ist. Es könnte nicht nur ein Gegenstück zu kommenden, für das Urheberrecht problematischen Google- oder YouTube-Angeboten sein, sondern die Urheberrechte darüber hinaus produktiv nutzen, beispielsweise durch eine erstmals durch eine digitale Archiv-Gesamtschau mögliche künstlerische und wirtschaftliche Auswertung der Kreativitätspotentiale sowie auch als digitales und rechteschützendes Rechercheinstrument durch Verlinkung mit Hersteller- und speziellen, teils ausländischen Fan-Webseiten beispielsweise zu den Einstürzenden Neubauten, den Krupps oder Kraftwerk.

Mitunter ist es schwierig, für ein besonderes Thema den richtigen Veröffentlichungsweg zu finden, weil Fach-Verlage zwar ein Publikum finden, aber oft nicht rentabel wirtschaften können. Deshalb entschloss sich der Nachttischbuch-Verlag zu einer Sonderveröffentlichung: Gehört „deutsche“ Pop-Musik ins Museum? Diese Frage wird so hoffentlich auch außerhalb der Expertenrunden Aufmerksamkeit finden.

Gehört „deutsche“ Pop-Musik ins Museum?

LESEPROBE

Herausgeber ‏ : ‎ Nachttischbuch-Verlag; Originalausgabe Edition (19. Februar 2021)
Sprache ‏ : ‎ Deutsch
Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 288 Seiten
Abmessungen ‏ : ‎ 12.5 x 1.9 x 19.6 cm

Der Tagungsband zur Fünften Pop-Dekaden-Tagung dokumentiert die Debatte um eine „Musealisierung“ der „deutschen“ Pop-Musik. Das bunte Spiel mit Quellen und Diskursen eröffnet zudem ungewohnte Blicke auch auf das Politikgeschehen in der Bundesrepublik.

Vierzig Teilnehmer aus unterschiedlichen Berufsfeldern wie Musik, Musikwissenschaft, Recht, Publizistik, Journalismus und Medienmanagement diskutierten im September 2019, wie sich die Szenerien seit dem „Krautrock“ der Siebzigerjahre entwickelte und welches die Perspektiven sein könnten.

Die Referenten Diedrich Diederichsen, Detlef Diederichsen, Hans Nieswandt, Christoph Jacke, Thomas Hecken, Gabriele Rohmann, Rainer Jogschies, Günter Zint u. a. schilderten wissenschaftlich methodisch oder sehr persönlich ihre Zukunftsgedanken und Lebenserfahrungen. Wird insbesondere „deutsche“ Pop-Musik künftig nur auf Streaming-Portalen angeboten oder wird es andere Arten der Sicherung geben?

Welchen Nutzen könnte ein Archivierung bringen, ob sie nun allein die produzierte oder noch nicht erfasste Musik sammelt oder ob ein „Museum“ die Verbindung mit bestehenden Einrichtungen knüpft.

Sie finden weitere Informationen auf der eigenen Webseite der Pop-Dekadentagung unter http://pop-dekadentagung.de/ .

Der Harburger Politikwissenschaftler, Verleger und Autor Rainer Jogschies initiierte und leitete die Pop-Dekadentagungen von 1979 bis 2019, mit denen er deren Entwicklung in bilanzierenden Tagungen und unterschiedlichsten Perspektiven begleitete. Veröffentlichungen für SOUNDS, TWEN, STERN, SPIEGEL und andere Magazine. Er schrieb (Dreh-)Bücher für den NDR, das ZDF, Ullstein, C.H.Beck, Rasch & Röhring, Eichborn und viele andere.

Hans Nieswandt
war von Januar 2014 bis November 2019 der künstlerische Leiter des Instituts für Pop-Musik der Folkwang Universität der Künste.

Diedrich Diederichsen
ist Journalist, Kulturwissenschaftler, Kurator, Autor, Essayist und Hochschullehrer. Er gilt als einer der bedeutendsten deutschen Poptheoretiker. Von 1979 bis 1983 arbeitete er als Redakteur bei der Musikzeitschrift „Sounds“. Er gründete in der Hamburger Musikszene Bands wie die Nachdenklichen Wehrpflichtigen, Flying Klassenfeind, LSDAP/AO). Von 1985 bis 1990 war er Chefredakteur der Musik- und Popkulturzeitschrift „Spex“. Seit 1992 arbeitete er an der Merz Akademie, Stuttgart; von 1998 bis 2006 war er dort Professor. Daneben Lehraufträge an der Städelschule, Frankfurt/M.; am Art Center College of Design, Pasadena in Kalifornien; an der Akademie der Bildenden Künste, München; an der Hochschule für Gestaltung, Offenbach; an der Universität Bremen; an der Bauhaus-Universität, Weimar; an der Justus- Liebig-Universität, Gießen; und an der Universität Wien. Seit 2006 lehrt Diedrich Diederichsen als Professor für Theorie, Praxis und Vermittlung von Gegenwartskunst an der Akademie der bildenden Künste Wien.


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