Hamburg Calling | Harburg Falling | Punk, Underground & Avantgarde 1977–1985

Berlin oder Düsseldorf? Ganz klar: Hamburg! Hier schlug der Punk am heftigsten ein im Deutschland der späten 1970er Jahre. Begeistert vom Orkan, der durch die englischen Clubs fegte, fanden sich auch an der Elbe bald junge Männer zu Bands wie den Razors, Buttocks oder Coroners zusammen, um mit zwei, drei Akkorden dem Rock‘n‘Roll die Selbstgefälligkeit und Trägheit auszutreiben.


Im Karolinenviertel nahm derweil ein etwas älterer junger Mann großen Anteil an dem, was da passierte. Alfred Hilsberg holte Bands aus England und Deutschland in die Stadt, und in der Zeitschrift Sounds schrieb er über die neuen Klänge aus Übungskellern und Jugend­zentren. Bald aber war er gelangweilt: Er wollte mehr als nur kurze, schnelle Nummern, zusammengenagelt mit Gitarre, Bass und Schlagzeug. Auf seinem Label ZickZack und mit Festivals gab er abenteuerlustigen Musikern die Gelegenheit, nach neuen Wegen zwischen Underground und Pop zu suchen. Bei ihm erschienen nicht nur Platten von Hamburger Bands wie Abwärts, X Mal Deutschland oder Palais Schaumburg, auch die Einstürzenden Neubauten ließen bei ihm hören, was sie auf dem Schrottplatz gefunden hatten.

VIDEO | Palais Schaumburg – Deutschland kommt gebräunt zurück (1981)

Bands wie ABWÄRTS traten auf dem wegweisenden Hamburger Festival „Geräusche für die 80er“ in der Hamburger Markthalle auf. Erst 1984 spielten DIE GOLDENEN ZITRONEN in Hamburg als „Fun-Punk-Band“. Eine bescheidene Nebenrolle, wenn überhaupt, denn da war die beste Zeit der ersten Welle leider schon vorbei.

Hamburg Calling erzählt mit Bildern der Grafikerin Sabine Schwabroh – damals bei vielen Konzerten dabei –, der Fotografin Ilse Ruppert sowie zahlreichen Amateurfotografien von den spannendsten Jahren im musikalischen Untergrund der Stadt (neben den Swing-Kids im Dritten Reich und der Beat-Aera der 1960er Jahre), von den Abenden zwischen Krawall 2000, Markthalle und Versuchsfeld, von den anschließenden Nächten in Marktstube, Schlachterei und dem Bermuda-Dreieck im Schanzenviertel mit Subito, Kir, Luxor, wo die nächsten Ideen entstanden.

Hamburg Calling.
Punk, Underground & Avantgarde 1977–1985

Gebundene Ausgabe
144 Seiten
150 Abbildungen, Farb- und s/w-Abbildungen
Junius Verlag
24.6 x 2.2 x 28.3 cm

Essay von Alf Burchardt und dann eine ausführliche Interviewstrecke mit diversen Protagonist/inn/en der im Buch vertretenen Jahre 1977 bis 1985 (darunter Alfred Hilsberg, Jaeki Eldorado, Andreas Dorau, Timo Blunck, Michael Ruff, Schorsch Kamerun und Bernd Begemann)

Worum geht es in dem Projekt?
Hamburg Calling erzählt mit wunderbaren Bildern der Grafikerin/Fotografin Sabine Schwabroh – damals bei allen wichtigen Konzerten dabei –, der Fotografin Ilse Ruppert und zahlreichen Amateurfotografien von den spannendsten Jahren im musikalischen Untergrund der Stadt. Neben den Hamburger Auftritten von internationalen Bands wie The Clash, Ramones oder The Birthday Party dreht sich das Buch um alle wichtigen Bands aus der Hansestadt: von Abwärts über Buttocks und Coroners bis zu Geisterfahrer, Palais Schaumburg und Xmal Deutschland.

Schon nach den ersten Recherchen zum Buch war klar, dass wir neben dem Werk der beiden Fotografinnen auf einen riesigen Fundus von Fanzines, Plakaten, Eintrittskarten und Schallplatten zurückgreifen konnten und welche Schätze in den Archiven und auf den Dachböden der Protagonisten darauf warteten, gesichtet und gehoben zu werden.


Harburg Falling

Dead Kennedys 1982 in der Friedrich-Ebert-Halle | Ticket-Foto: Jens Ullheimer

Dead Kennedys, Slime, Napalm

In der Harburger Friedrich-Ebert-Halle performen die Dead Kennedys ein – auch vom Publikum radikal interpretiertes – Konzert am 6. Dezember 1982. Die Friedrich-Ebert-Halle, bislang bekannt durch Schlager und als Stamm-Quartier des berüchtigten Herbert Kauschka Akkordion Orchesters, wurde an diesem Abend quasi in Schutt und Asche gelegt.

Die zeitgenössische Moderne hatte daraufhin in den folgenden Jahrzehnten keine Chance mehr in dieser Konzert-Location des Hamburger Südens und glänzt bis heute in der Region überwiegend mit Abwesenheit.

Siehe auch: NEW WAVE in Harburg – Lärmfieber aus dem Kinderzimmer

„UMARME DEINE INNERE LEICHE!“

Carsten Klook | Katalogtext anlässlich des Festivals „Wir nennen es Hamburg“ des Hamburger Kunstvereins und Kampnagel, Oktober 2008

Text lesen

„Die …77er, die irgendwo zwischen (Post-)Punk und Studium herumeierten und das Musikmagazin SOUNDS zur neuen Bibel auserkoren hatten
… konnten sich als Kultur-Terrorist betrachtet sehen, von sich selbst oder von anderen. Man war Ex-Hippie, Ex-Punk, oder beides, und rebellierte gegen die, deren Rebellion versackt war (also auch gegen sich selbst).

Mit Diedrich Diederichsen, Michael Ruff und vielen anderen Journalisten entstand in der Musikzeitschrift „Sounds“, die die neue Musikszene in Deutschland vorstellte, ein neues polit-ästhetisches Bewusstsein, das anders als in den 70ern, auch einen Hedonismus empfahl, der nicht nur dem angloamerikanischen Kulturraum entstammte. Ein neuer Geist, der u.a. von Bands wie Palais Schaumburg, Abwärts, Andreas Dorau, den Einstürzenden Neubauten, Saal 2 und Die Zimmermänner geprägt wurde. Albert Oehlen gestaltete Plattencover, Künstler und Journalisten wurden zu Musikern („Nachdenkliche Wehpflichtige“), A.R. Penck, Immendorff, Kippenberger und Oehlen nahmen die 1984 auf „ZickZack“ veröffentlichte LP „Die Rache der Erinnerung“ auf.“


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