HANNE DARBOVEN Ansichten 85 | Harburg – New York

HANNE DARBOVEN – Der Regenmacher | MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst, Duisburg | bis 16. Mai 2021

Das MKM zeigt vier große Werkzyklen aus der Sammlung Ströher, die rund 2.000 Einzelwerke umfassen. Sie sind exemplarisch für das Denken und Schaffen Hanne Darbovens und werden durch biografische Einblicke ergänzt. Das zentrale Werk Der Regenmacher (1985) ist erstmalig nach gut 20 Jahren vollständig mit allen 1.386 Blättern zu sehen. Gezeigt wird auch der Werkzyklus „Ansichten ,85‘: Harburg – New York“, der zuletzt 1985 in Hamburg-Harburg im damaligen Helms-Museum ausgestellt wurde.


Obsessiv, hochkomplex, präzise und gegenwartsverhaftet – so lässt sich Hanne Darbovens Werk umschreiben. Ausgehend vom aktuellen Tagesdatum hat die Künstlerin ein eigenes Ordnungssystem aus Zahlenkombinationen, Kalenderblättern, handschriftlichen Dokumenten und gesammeltem Bildmaterial geschaffen. Ihre seriellen Blattfolgen, die ganze Museumswände füllen, werden zum physisch erfahrbaren Speichermedium von Zeit, Zeitgeschehen und eigener Biografie. Stilbildend war auch Darbovens elegantes, androgynes Erscheinungsbild mit dem charakteristischen Kurzhaarschnitt.

Hanne Darboven, die sich selbst als Schreiberin und Komponistin bezeichnete, zählt zu den bedeutendsten Künstlerinnen des 21. Jahrhunderts. Im Zentrum ihres Schaffens steht das Verschriftlichen und Sichtbarmachen von Zeit als Möglichkeit der Erfahrung und Bewältigung von Wirklichkeit. „Meine Arbeit ist ein Aufzeichnen im Sinne von Dasein, es ist Durcharbeitung“ hat Darboven bereits 1966 formuliert und zeitlebens ihren ganz eigenen Beitrag zur Konzeptkunst und Minimal Art entwickelt.

Bis zu ihrem Tod 2009 lebte und arbeitete die Künstlerin zurückgezogen in Hamburg-Harburg in einem Atelier, das einer Wunderkammer glich.

»Und schließlich bin ich auf die Tagesdaten gekommen, da man sich ja täglich mit dem Sinn und Unsinn der Dinge beschäftigt.«

HANNE DARBOVEN, 1966

Mit der Konzeptkunst-Ikone Hanne Darboven (1941–2009) präsentiert das MKM eine der prägenden Künstlerinnen des 21. Jahrhunderts. Zu sehen sind vier große Werkzyklen Darbovens aus der Sammlung Ströher. Sie bestehen aus rund 2.000 einzelnen Blättern und machen in ihrer seriellen Hängung das zentrale Anliegen der Künstlerin unmittelbar erfahrbar: Die Visualisierung von Zeit. Und nicht zuletzt nach den Erfahrungen des Lockdowns wird die “Buchhalterin der Zeit” zur “Künstlerin der Stunde” (Nicola Kuhn, Tagesspiegel).

Die ausgestellten Arbeiten „Der Regenmacher“, „Soll und Haben“, „Welttheater ›93‹“ und „Ansichten ’85“ sind exemplarisch für das Denken und Schaffen der Künstlerin, das sich als Gegenentwurf zum herkömmlichen Kuntbegriff präsentiert und als “künstlerisches Schreibwerk” oder “mathematische Literatur” bezeichnen lässt. Der titelgebende „Regenmacher“ ist im MKM erstmals nach über 20 Jahren – und zum zweiten Mal überhaupt – vollständig mit allen 1.386 Blättern präsentiert.

Die Ausstellung gibt Einblicke in Hanne Darbovens obsessive künstlerische Konsequenz und ihre grundlegenden Ideen und Motive: die systematische Reihung von Schriftseiten, die Kombination von Schreibwerk und Bildmotiven, die Einbettung in eine numerische Logik, basierend auf den Tagesdaten, oder die Verwendung von privaten Sammelobjekten als Stellvertreter für zeitgeschichtliche Aspekte.

INTERAKTIVER AUSSTELLUNGSKATALOG | ansehen

Bis zu ihrem Tod 2009 lebte und arbeitete die Künstlerin zurückgezogen in Hamburg-Harburg auf dem elterlichen Gutshof, in einem Atelier, das einer Wunderkammer glich. Hanne Darbovens gedanklicher Kosmos vereint Hochkultur und Kurioses, zeithistorische Fakten und persönliche Analyse. Die schwungvoll beschriebenen Blätter mit Zahlenkonstruktionen, ihr ‘Markenzeichen’, gehen zurück auf ihre Zeit im New York der 1960er Jahre. Es sei bereits alles gemalt konstatierte sie seinerzeit und entwickelte konsequent ihre einzigartige Schreibkunst, die sich auf Millimeterpapier, in alten Kassenbüchern oder im Dialog mit fotografischen Fundstücken präsentiert. Im Kern geht es um das Sichtbarmachen von Zeit als einer Möglichkeit der Wirklichkeitserfahrung. Darbovens serielle Blattfolgen werden zum physisch erfahrbaren Speichermedium von Tagesverläufen, künstlerischer Biografie und Zeitgeschehen. Hanne Darboven schreibt Zeit.

Ergänzt wird die Präsentation durch biografische Einblicke. Die faszinierende Persönlichkeit Hanne Darbovens – von der Absage an Mode und Kunstgesellschaft über die Tierliebe bis zur obsessiven Arbeits-Askese – wird im Filmporträt von Kurator und MKM-Direktor Walter Smerling erlebbar. Er hat die Künstlerin lange persönlich begleitet und ist Kuratoriumsmitglied der Hanne-Darboven-Stiftung.


Ansichten ’85.
Harburg – New York

KATALOG | Hanne Darboven.
Ansichten ’85. Harburg – New York

(Zu den Ausstellungen im Dortmunder Kunstverein u. im Helms-Museum, Hamburg-Harburg)
Veröffentlichung des Hamburger Museums für Archäologie und der Geschichte Harburgs, Helms-Museum, Nr. 59

Herausgeber: Christians
100 Seiten mit zahlreichen Abbildungen (davon 2 farbig). ). 4to. 29,5 cm. OBrosch
Sprache Deutsch


Der Werkzyklus „Ansichten ,85‘: Harburg – New York“ aus den Jahren 1984/1985. In 53 gereihten Tafeln sind stets in den oberen Dritteln Ansichten von Harburg, in den Dritteln darunter Fotografien und Postkarten aus New York und schließlich die Blätter eines Wochenkalenders zu sehen. Letztere hat Darboven mit ihren typischen Quersummenberechnungen gefüllt, die die Tage eines ganzen Jahres in Ziffernkombinationen codieren.

Darbovens Zahlenreihen machen die Zeit sichtbar

VIDEO | Hanne Darboven | Walter Smerling über Ansichten ’85

In „Ansichten ,85‘“ verweist die Künstlerin zum einen auf ihr eigene Existenz zwischen Hamburg und New York – von 1966 bis 1968 lebte sie in Manhattan, ein Aufenthalt, der ihre Kunst nachhaltig beeinflusste. Zum anderen dokumentiert Darboven mit ihren Berechnungen und Ziffernfolgen auch den konkreten Verlauf eines Jahres. „Indem sie die Zeit durchschreibt, macht sie die Zeit sichtbar“, sagt Smerling im Einführungsfilm über Darbovens Arbeitsprinzip.

VIDEO | Durch die Ausstellung mit Tony Cragg | Teil 1: Ansichten ’85

Die Serie von 53 Arbeiten aktualisiert wie ein Postkarten-Album Geschichte: die Alte Welt, vertreten durch Ansichten von Harburg, Elbe-Nord u. Elbe-Süd wird mit der Neuen Welt, der Metropole New York, konfrontiert. Der in Bildern festgehaltene Moment wird in seiner Erstarrtheit gestört durch den in Worten u. Zahlen spürbar werdenden Ablauf der Zeit (Sigrun Paas).


VIDEO | Hanne Darboven – Mein Geheimnis ist, dass ich keins habe
Ein Portrait der Künstlerin von Walter Smerling

Dieses Künstlerportrait zu Hanne Darboven gibt einen einmalig persönlichen und authentischen Einblick in Hanne Darbovens Werk und Leben in Hamburg Harburg. Die Künstlerin ist damals 51 Jahre alt und befindet sich in der Blüte ihres Schaffens. Der Ort, der im Film noch ihr Wohnhaus und Atelier ist, ist heute die Hanne Darboven Stiftung. Der Film wurde 1991 von Walter Smerling durch den WDR produziert.


Artikel weiterempfehlen | SOCIAL MEDIA anonym durch Einsatz des c't-Projektes Shariff

Harburger Kultur | Artikel-Tipps