Wie lässt sich entlang der Entwicklung der zeitgenössischen Kunst auch eine Geschichte der Gegenkultur erzählen, die bis in die Gegenwart hinein künstlerische Ansätze beeinflusst?

John Baldessari, Four Splashed Men (With Robot and Flamingos), 1991, © 1991–2026 John Baldessari Family Foundation. Courtesy Estate of John Baldessari; Sprüth Magers, Musée d’arts de Nantes, Photo: Cécile Clos
Inner Mornings or Forms of Counterculture
Eine Kunstschau im Rahmen der 9. Triennale der Photographie Hamburg 2026 in der Sammlung Falckenberg.
Anknüpfend an die Gedanken Henry David Thoreaus, dessen Gedicht »The Inward Morning« titelgebend für die Ausstellung ist, sowie an die Schriften von Michel Foucault und Félix Guattari wird der Begriff der Counterculture (Gegenkultur) hier als aktiv, diskursiv und transformativ verstanden.
Henry David Thoreau
1817 – 1862Der innere Morgen
In meinem Geist sind all die Kleider gespeichert,
die die äußere Natur trägt,
und in ihrem stündlichen Modenwechsel
repariert sie alles andere.Vergebens suche ich im Ausland nach Veränderung
und finde keinen Unterschied,
bis ein neuer, unerwarteter Strahl des Friedens
mein Innerstes erleuchtet.Was vergoldet Bäume und Wolken
und malt den Himmel so heiter,
wenn nicht jenes unvergängliche Licht
mit seinem unveränderlichen Strahl?Siehe, wenn die Sonne durch den Wald strömt,
an einem Wintermorgen,
wo immer ihre stillen Strahlen eindringen ,
ist die düstere Nacht vergangen.Wie hätte die geduldige Kiefer ahnen können,
dass die Morgenbrise kommen würde,
oder wie hätten bescheidene Blumen
das Mittagssummen der Insekten erahnen können?Bis das neue Licht mit Morgenfreude
von fern durch die Gänge strömte
und den Bäumen des Waldes
über viele Meilen hinweg flink davon erzählte?Ich vernahm in meinem Innersten
so freudige Morgennachrichten,
am Horizont meines Geistes
sah ich so orientalische Farben.Wie in der Dämmerung des Morgengrauens,
wenn die ersten Vögel erwachen,
hört man sie in einem stillen Wald,
wo sie die kleinen Zweige brechen.Oder man sieht am östlichen Himmel,
noch bevor die Sonne erscheint,
die Vorboten der Sommerhitze,
die sie von fern herbeibringt.
Als unermüdlicher Kämpfer für den menschlichen Geist gegen den Materialismus und die Konformität, die er in der amerikanischen Kultur als vorherrschend ansah, beeinflussten Thoreaus Ideen zum individuellen Widerstand, wie sie in seinem Essay „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat “ (1849) dargelegt sind, unter anderem Mahatma Gandhi und Martin Luther King Jr. Seine Meisterschaft im Prosastil wurde von so unterschiedlichen Schriftstellern wie Robert Louis Stevenson, Marcel Proust, Sinclair Lewis und Henry Miller gewürdigt. Zu Lebzeiten weitgehend unbeachtet, hat sich der selbsternannte „Inspektor von Schneestürmen und Regenstürmen“ zu einer der größten literarischen Figuren Amerikas entwickelt.
Interessant in diesem Zusammenhang:
Das Zusammenspiel dreier Sammlungen – der Sammlung Falckenberg und den Sammlungen des FRAC Pays de la Loire und des Musée d’arts de Nantes – eröffnet darüber hinaus einen spannungsvollen institutionellen Dialog. Wie wird Gegenkultur in unterschiedlichen Kontexten gesammelt, vermittelt und verstanden? Entstehen wird so ein facettenreiches Bild von Kunst als Möglichkeit, gesellschaftliche Realitäten zu hinterfragen und neue Perspektiven zu eröffnen.
In vier thematischen Abschnitten –
- „Die Vielfalt der Perspektiven und Stimmen beanspruchen“,
- „Sehen, zeigen, ablenken und anprangern“,
- „Geschichte neu lesen, eine andere Geschichte“ und
- „Schockieren, erschüttern, aufrütteln, Grenzen verschieben“
– präsentiert die Ausstellung Künstler:innen, die historische Narrative neu schreiben, gesellschaftliche Machtstrukturen herausfordern und künstlerische Strategien der Provokation und des Widerstands sichtbar machen.

Claude Cahun, Selbstportrait, 1927 ( Ausschnitt )
I am in training. Dont kiss me
Ausgehend vom Leben und Werk der französischen Schriftstellerin und Fotografin Claude Cahun (1894 bis 1954) – die in ihrem Widerstand gegen jede gesellschaftliche Konvention und gegen den Nationalsozialismus eine Schlüsselfigur des Ausstellungskonzepts ist – zeigt »Inner Mornings« Arbeiten international renommierter Künstler:innen wie Halil Altindere, Maja Bajevic, John Baldessari, Lewis Baltz, Victor Burgin, Sophie Calle, Claire Chevrier, Allana Clarke, Jeremy Deller, Valie Export, Fischli & Weiss, Dominique Gonzalez-Foerster, Anne-Mie Van Kerckhoven, Astrid Klein, Joel Meyerowitz, Walid Raad, Martha Rosler, Anri Sala, Wolfgang Tillmans und Endre Tót.
Die Ausstellung wurde initiiert und kuratiert von Emilie Houssa (Direktorin Centre Claude Cahun) in Zusammenarbeit mit Dirk Luckow (Intendant Deichtorhallen Hamburg) und Goesta Diercks (Ausstellungsmanager Sammlung Falckenberg). Nach der Präsentation zur 9. Triennale der Photographie in Hamburg wird die Ausstellung im Rahmen der strategischen Städtepartnerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg und Nantes Métropole Ende 2026 in Nantes eröffnet.
In diesem Zusammenhang interessant:
Sammlung Falckenberg
Die Sammlung Falckenberg ist eine international renommierte Kunsthalle und Dependance der Deichtorhallen in den Phoenix-Hallen, Hamburg-Harburg.
Inner Mornings or Forms of Counterculture
im Rahmen der 9. Triennale der Photographie Hamburg 2026 | https://phototriennale.de
AUSSTELLUNG
06. Juni bis 13. September 2026
ERÖFFNUNG
Am Freitag, 05. Juni 2026 | 19 Uhr in der Sammlung Falckenberg.
ÖFFNUNGSZEITEN UND PREISE
Geöffnet jeden So von 12–17 Uhr, ohne Anmeldung, Eintritt 11 Euro / ermäßigt 7 Euro.
Sowie im Rahmen von 90-minütigen Führungen jeden jeden Sa um 12 und 17 Uhr, dann Eintritt 16 Euro / ermäßigt 13 Euro,
Buchung unter tickets.deichtorhallen.de
SONDERFÜHRUNGEN | mehr INFOS
Öffentliche Führungen
Ergänzend zu den Öffnungszeiten am Wochenende öffnet die Sammlung Falckenberg im Rahmen von 90-minütigen, öffentlichen Führungen durch die Ausstellung mit begrenzter Teilnahmezahl.
Jeden Sonnabend um 12 und 17 Uhr (Dauer ca. 90 Minuten).
Aufgrund begrenzter Teilnahmezahl ist eine Ticketbuchung erforderlich.
16 Euro, erm. 13 Euro, Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre frei | Tickets unter tickets.deichtorhallen.de.
DOUBLE FEATURE: Sammlung Falckenberg meets Kunstverein Harburger Bahnhof
SO 28 JUN 26, 14-17 Uhr | 15,- Euro | TICKETS
Hinweis zur Buchung: Bitte beachten Sie, dass diese Veranstaltung in der Sammlung Falckenberg startet und im im Kunstverein Harburger Bahnhof endet. Die Gruppe wird auf ihrem Weg begleitet, der Fußweg beträgt etwa 5 Minuten.
Führung durch die aktuellen Ausstellungen INNER MORGNINGS, OR FORMS OF COUNTERCULTURE in der Sammlung Falckenberg und MAIK GRAEF – FLEETING GLANCE im Kunstverein Harburger Bahnhof mit Künstler Maik Gräf.
Die Führung beginnt in der Sammlung Falckenberg, Wilstorfer Str. 71, Tor 2 und endet im Kunstverein Harburger Bahnhof.
ANFAHRT
mit Fernbahn/Nahverkehr: Ab HH-HBF, S3 Richtung Neugraben, Buxtehude, Stade oder mit der S 31 Richtung Harburg Rathaus, Neugraben bis Bahnhof Harburg (13 Min.). Von dort (S-Bahn-Ausgang Moorstr.) sind es etwa 10 Min. zu Fuß zur Sammlung Falckenberg. Mit dem Auto: A253 Abfahrt Hamburg-Wilstorf, A1 Abfahrt Hamburg-Harburg
BARRIEREFREIHEIT
Die Sammlung Falckenberg befindet sich in einem denkmalgeschützten Fabrikgebäude. Die Räumlichkeiten sind eingeschränkt barrierefrei. Sollten Sie nähere Rückfragen zu den Gegebenheiten vor Ort haben, kontaktieren Sie uns bitte möglichst bis zu zwei Tage vor Ihrem Besuch über die folgenden Kontaktdaten:
Mail: [email protected] oder Tel:+49 (0)40 32506762
Passend zum Thema, Streetart von einem Harburger Baldessari-Fan.
2006 in Hamburg-Harburg-Wilstorf | Foto: Jens Ullheimer


Jens Ullheimer ist als freier Journalist im Bereich Kultur tätig. Für die HARBURGER KULTUR berichtet er seit vielen Jahren mit Tipps & Terminen über kulturelle Aktivitäten im Hamburger Süden. Auf KUNSTPRESSESCHAU dokumentiert er das zeitgenössische Ausstellungsgeschehen mit einem präzisen Blick für künstlerische Positionen, aktuelle Diskurse und museale Retrospektiven. Seine fundierten Berichte schlagen eine Brücke zwischen dem Kulturbetrieb und einem kulturbegeisterten Publikum.