LINDA ZERVAKIS – Geschichten aus dem HEIMFELDER KIOSK

Linda Zervakis - photo © Thuy Pham 2014

Tagesschau-Sprecherin Linda Zervakis wuchs als Tochter griechischer Gastarbeiter in Hamburg-Harburg auf. Ihr Vater führte in Heimfeld einen Kiosk. Nach dem Tod ihres Vaters hat sie zusammen mit ihren ebenfalls minderjährigen Brüdern der Mutter bei der Arbeit im Kiosk geholfen: Noch bis zu ihrem 28. Lebensjahr jobbte sie sonntags im Kiosk. Wie Linda Zervakis es gegen jede Wahrscheinlichkeit aus dem Harburger Büdchen ins Schaufenster der Tagesnachrichten schaffte, das erzählt sie in ihrem Buch „Königin der bunten Tüte“. 


So wie Linda Zervakis heute als Tagesschau-Sprecherin in die Wohnzimmer der Nation guckt, hat sie früher aus dem Kiosk ihrer Eltern in Hamburg-Harburg geschaut. Als griechische Einwanderer hatten die Zervakis nicht viel Geld. Im elterlichen Kiosk arbeiteten alle Kinder mit: ein Ort, den Sozialhysteriker heute wohl als sozialen Brennpunkt bezeichnen würden. Migranten, Arbeitslose, «Leute, die zum Frühstück Kräuterschnaps bestellen», Rentneromis – ein buntes Völkchen, für den der Kiosk ein Stück Heimat war.

Wie Linda Zervakis es gegen jede Wahrscheinlichkeit aus dem Harburger Büdchen ins Schaufenster der Tagesnachrichten schaffte, das erzählt sie in ihrem Buch «Königin der bunten Tüte».

BUCH | Linda Zervakis.
Königin der bunten Tüte: Geschichten aus dem Kiosk

LESEPROBE

Broschiert
224 Seiten
Verlag: rororo
Sprache: Deutsch


«Sehr humorvoll beschreibt Linda Zervakis einige der Stammkunden: Stinker, Trinker und Ex-Knacki.» Die Welt

«Ein melancholisch-schönes Buch.» Markus Lanz

«Linda Zervakis hat ein wunderbares Buch geschrieben über ihre Eltern, die der Armut Thessaliens entflohen, und ihre Vergangenheit als ‹Kanaken-Kind›.»BILDplus

2001 kam sie als Redakteurin und Nachrichtensprecherin zum NDR. Seit Mai 2013 spricht sie die ARD-Tagesschau um 20 Uhr. So, wie Linda Zervakis heute in die Wohnzimmer der Nation guckt, hat sie früher aus dem Kiosk ihrer Eltern geschaut.

Was sie da gesehen hat? „Leute, die zum Frühstück Kräuterschnaps bestellen“. Und natürlich: Gute, herzliche Typen, die sich in ihrem Kiez umeinander kümmern und ihre Roth-Händle, Dickmanns-Frischeboxen und bunte Tüten seit 20 Jahren bei Familie Zervakis kaufen.

Linda hatte Glück, eine gute Schule und den festen Willen, nicht für immer aus dem Büdchen zu schauen. Der Rest ist ihre Geschichte: charmant, lustig, traurig und immer aus dem wirklich wahren Leben.


Als Kind blickte Linda Zervakis weiß Gott nicht nur auf die blütenweißen Seiten des Lebens. Dafür waren die Umstände, unter denen sich die Familie ihren Lebensunterhalt erarbeiten musste, einfach zu hart. Vater Christos und Mutter Chrissoula, Chrissi genannt, waren in den 1960er Jahren aus Griechenland ins «eiskalte Deutschland» gekommen – als klassische Wirtschaftsflüchtlinge: ohne Deutschkenntnisse, dafür aber mit viel Hoffnung, 25.000 Drachmen (ca. 150 D-Mark) Startgeld und dem üblichen «Dreisatz der Immigranten: Koffer, Kühlschrank, Knoblauch».

Über Quakenbrück, wo Christos in einer Fahrradfabrik arbeitete und Chrissi in Hannover (bei Geha und Pelikan), ging es nach Hamburg. Hier fand Papa Zervakis bei Phoenix Arbeit; ein Knochenjob am Fließband. Die Übernahme von Ottos Kiosk mitten im Harburger Trubel war genau die Alternative, von der Christos träumte. Wenn schon nicht Griechenland, dann wenigstens eine eigene Bude (auch wenn die nur gepachtet war). Genau hier spielten sich große Teile von Lindas Kindheit ab, zwischen Schnaps und Dosenbier, Kaugummi und belegten Brötchen, Goldenem Blatt und Bunte, Bild und MoPo, Springer Urvater und Ernte 23 und mit all den speziellen Menschen, die tagein tagaus dort aufkreuzten (Nikotin-Norbert, der Stinker, der Mörder, Gerda Brocken, Herr Millimeter …)

Linda, die Königin der bunten Tüte

Linda hatte Glück: eine gute Schule, Tante Toni, eine deutsche Tagesmutter, und nach und nach auch Freunde, die «das griechische Mädchen» nicht nur wegen des prachtvollen Zugangs zu Süßzeugs mochten. Sie lernte Deutschland in der Schule kennen, im Kiosk – und im Fernsehen: «Die Sendung mit der Maus», «Hallo Spencer», die Tagesschau («die heilige Viertelstunde») und «Ein Fall für zwei» (mit dem ewigen Claus Theo Gärtner als Privatdetektiv Josef Matula) etc.: Bildung kennt viele Quellen.

Auch wenn sie sich als «ziemlich deutsch geprägt» bezeichnet, bringen die kursierenden dümmlichen Griechenland-Klischees die Nachrichtenfrau auf die Palme. Für sie ist das Land ihrer Vorfahren kein Zuhause – und fühlt sich doch an wie Heimat. Bei ihren Besuchen in Griechenland genießt die zweifache Mutter mit ihrer Familie die Großzügigkeit und Herzlichkeit der Menschen im Heimatdorf ihrer Verwandten leben. Eines scheint aber definitiv kein Klischee zu sein: Wo Griechen zusammen sind, da gefeiert und gespeist, dass es eine Freude ist: Stifado, Lammkeule und gefüllte Paprika, Melidsana und Mezedes, Hackbällchen und Moussaka …

Übrigens hat Linda Zervakis noch immer eine klare Vorstellung davon, welche Naschis in eine erstklassige bunte Tüte gehören. Zur Minimalausstattung gehören große saure Schnuller («sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis»), saure Bänder, Schleckmuscheln, gelbe Lachmonde (die perfekten Gaumenkleber), weichgezuckerte Pfirsiche, weiße Mäuse, saure Gurken. («Und Lakritz natürlich!») Sehr vegan klingt das nicht, aber wunderbar süß und beglückend.

Linda Zervakis

wuchs als Tochter griechischer Gastarbeiter in Hamburg-Harburg auf, wo sie bis 1994 das Friedrich-Ebert-Gymnasium besuchte. Ihr Vater führte in Heimfeld, Harburg einen Kiosk. Nach dem Tod ihres Vaters musste sie zusammen mit ihren ebenfalls minderjährigen Brüdern der Mutter bei der Arbeit im Kiosk helfen: Noch bis zu ihrem 28. Lebensjahr jobbte sie sonntags im Kiosk.

Linda Zervakis wurde Ende Februar 2012 Mutter eines Sohnes. Anfang Februar 2015 wurde sie Mutter einer Tochter. Sie besitzt die deutsche und die griechische Staatsbürgerschaft und lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

[ via rowohlt News ]

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