Stanislaw LEM | Literarischer Kosmonautentraum

Im September 2021 wäre der brillante Visionär und Utopist 100 Jahre geworden. Sein literarisches Werk wurde vielfach ausgezeichnet, verfilmt und in 57 Sprachen übersetzt.

Stanisław Lem ist einer der bekanntesten polnischen Philosophen, Essayisten und Autoren, der sich sowohl mit seiner Science-Fiction-Literatur als auch mit seinen Texten zu Kybernetik, Literaturtheorie und Futurologie einen Namen machte. Lem gilt als brillanter Visionär und Utopist, der zahlreiche Technologien Jahrzehnte vor ihrer Entwicklung erdachte. Sein literarisches Werk wurde vielfach ausgezeichnet, verfilmt und in 57 Sprachen übersetzt.


Der polnische Schriftsteller und Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem feierte mit seinem Roman „Solaris“ 1961 einen Welterfolg. Lem gilt als brillanter Visionär und Utopist, der zahlreiche komplexe Technologien Jahrzehnte vor ihrer tatsächlichen Entwicklung erdachte. In seiner Heimat wurde er jedoch die meiste Zeit als Outsider betrachtet. Wer war dieser Mann?

STANISLAW LEM

wird 1921 in Lemberg geboren, das zu dieser Zeit zu Polen gehört. Der Sohn einer polnisch-jüdischen Arztfamilie beginnt 1940 ein Studium der Medizin in dem nun sowjetisch besetzten Lemberg. Als Folge des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion im Jahr 1941 ist Lem gezwungen, sein Studium abzubrechen. Er verschleiert seine jüdische Herkunft mit gefälschten Papieren und kann als Schweißer für das deutsche Unternehmen „Rohstofferfassung“ arbeiten.

Gegen Ende des Krieges setzt er sein Studium in dem nun wieder von der Roten Armee kontrollierten Osten Polens fort. Da Lemberg 1946 von der Sowjetunion annektiert wird, geht Lem nach Krakau, wo er sein Studium fortsetzt und als Forschungsassistent arbeitet. Gleichzeitig beginnt er, erste Texte zu verfassen. Als er das Medizinstudium abschließen will, lässt ihn die Prüfungskommission durchfallen, da er sich weder der stalinistischen Ideologie unterwirft, noch bereit ist, sich als Militärarzt einsetzen zu lassen.

Wie überlebte Stanisław Lem den Holocaust? Wie stand er, der sowohl Propagandawerke schrieb als auch in illegale Oppositionstätigkeiten verwickelt war, tatsächlich zum Kommunismus? Wie konnte er technische Entwicklungen detailgetreu beschreiben, obwohl er in einer Krakauer Vorstadt lebte, hinter dem Eisernen Vorhang und unter einem repressiven Regime, das nicht vor Zensur zurückschreckte? Und warum schrieb er als bekennender Atheist für die katholische Wochenzeitung „Tygodnik Powszechny“?

Stanisław Lem gilt heute vor allem als einer der größten Vordenker und Schriftsteller der Nachkriegszeit, der das Genre Science-Fiction erst richtig salonfähig gemacht hat. Seinen Welterfolg feierte er 1961 mit dem Science-Fiction-Roman „Solaris“, der mehrmals verfilmt wurde, unter anderem von Andrej Tarkowski und Steven Soderbergh.

Lem gilt als brillanter Visionär und Utopist, der zahlreiche komplexe Technologien Jahrzehnte vor ihrer tatsächlichen Entwicklung erdachte. So schrieb er bereits in den 1960er und 1970er Jahren über Themen wie Nanotechnologie, Neuronale Netze und Virtuelle Realität. Ein wiederkehrendes Thema sind philosophische und ethische Aspekte und Probleme technischer Entwicklungen, wie etwa der künstlichen Intelligenz, menschenähnlicher Roboter oder der Gentechnik.

In zahlreichen seiner Werke setzte er Satire und humoristische Mittel ein, wobei er oft hintergründig das auf Technikgläubigkeit und Wissenschaft beruhende menschliche Überlegenheitsdenken als Hybris entlarvte. Einige seiner Werke tragen auch düstere und pessimistische Züge in Bezug auf die langfristige Überlebensfähigkeit der Menschheit. Häufig thematisierte er Kommunikationsversuche von Menschen mit außerirdischen Intelligenzen, die er etwa in einem seiner bekanntesten Romane, Solaris, als großes Scheitern verarbeitete.

In den 2000er Jahren wurde der vielseitig gebildete Lem zum Kritiker des – von ihm teilweise vorhergesagten – Internets und der Informationsgesellschaft, weil diese die Nutzer zu „Informationsnomaden“ machten, die nur „zusammenhangslos von Stimulus zu Stimulus hüpfen“ würden. Die allgemeine Steigerung der technischen Leistung gehe „paradoxerweise mit einem Verfall der Fantasie und Intelligenz der Menschen einher.“

VIDEO | arte TV
Verfügbar bis 09/11/2021


Zum Tode Stanislaw Lems | Der optimistische Pessimist

Stanislaw Lem war ein Science-Fiction-Schriftsteller, dem die Zukunft stets suspekt war. Viele Errungenschaften der modernen Technik nahm er in seinen Utopien vorweg, aber stets warnte er die Menschheit vor ihrer Hybris.

Nachruf von Andreas Borcholte für SPIEGEL online | Artikel lesen

„Lems Helden sind sternenfahrende Don Quichottes, die nicht gegen Windmühlen kämpfen, sondern gegen die Invasion der Technokratie in die geistige Welt. Es sind nachdenkliche Schöngeister, die hoffen und zweifeln, „optimistische Pessimisten“, wie Lem sich einmal selbst bezeichnete.

Gewarnt vor ihrer Selbstüberschätzung hat er die Menschheit immerhin schon früh. Mit dem ihm eigenen Humor parodierte er in zahlreichen Romanen das ihm so verhasste Science-Fiction-Genre mit seinem überhöhten Glauben an den technischen Fortschritt, indem er die Protagonisten seiner eigenen Bücher mit alltäglichen Problemen konfrontierte. Unvergessen ist, wie der tölpelhafte Pilot Pirx, eine der Lieblingsfiguren Lems, die in vielen Büchern auftaucht, mit verdorbenen Lebensmitteln, vergesslichen Robotern und den Sinnlosigkeiten der Weltraum-Bürokratie kämpft.“


AUDIO | Stanislaw Lem – Testflug [Hörspiel]

Nach der Erzählung „Die Verhandlung“ aus der Reihe „Pilot Pirx“ von Stanislaw Lem
Regie: Manfred Brückner
Darsteller: Klaus Barner, Walter Jokisch, Werner Rundshagen, Dorothea Neukirchen, Harald Meister, Peter Lieck, Gerd Mayen, Rudolf Jürgen Bartsch und Burkhard Ax
Produktion: Westdeutscher Rundfunk 1974


Das Geheimnis der Sterntagebücher

Markus Metz und Georg Seeßlen für deutschlandfunkkultur | Artikel lesen

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„Die Begegnung des Raumfahrers Ijon Tichy mit den Indioten der Stadt Debilia auf seiner 24. Reise liest sich wie eine kurze Geschichte von Technologie und Kapitalismus:

»O fremder Wanderer! Die Bevölkerung dieses Planeten ist seit Urzeiten in Spiriten, Erlauchte und Minderlinge aufgeteilt. Die Erlauchten setzten die Abgaben fest, legten die Staatsgrenze aus und nahmen sich der Fabriken an, in denen die Minderlinge bescheiden ihr Tagewerk verrichteten. Im Laufe der Jahrhunderte bauten die Erfinder Maschinen, die die Arbeit erleichterten. Ein gelehrter Konstrukteur hatte Neue Maschinen geschaffen, so vortrefflich, daß sie ganz selbständig zu arbeiten vermochten, ohne jede Kontrolle. Und da fing die Katastrophe an. Je mehr Neue Maschinen in den Fabriken auftauchten, desto mehr Minderlinge verloren ihren Arbeitsplatz, und da nun der Lohn ausblieb, waren die Massen vom Hungertode bedroht…«

»Erlaube mir eine Frage, Indiote. Was geschah mit dem Gewinn, den die Fabriken brachten?«

»Der Gewinn fiel den rechtmäßigen Eigentümern zu, den Erlauchten.«

»Aber es hätte doch genügt, die Fabriken in gemeinschaftliches Eigentum zu überführen, und die Neuen Maschinen wären ein Segen für euch geworden!«

»Mache dich nicht zum Sprecher dieser entsetzlichen Ketzereien, die einen schändlichen Anschlag auf unsere unveräußerlichen Freiheiten bedeuten! Daß niemand zu einer Sache genötigt, gezwungen oder auch nur veranlaßt werden darf, die er nicht wünscht. Wer hätte da gewagt, den Erlauchten die Fabriken zu nehmen, wenn es ihr Wille war, sich des Eigentümerstandes zu erfreuen?«

»Aber du willst doch nicht behaupten, die Minderlinge handelten aus freien Stücken so? Wo blieben da eure Freiheit, eure Bürgerrechte?«

»Die Rechte blieben weiter unangetastet, aber sie besagen ja auch nur, daß der Bürger mit seiner Habe und seinem Geld machen kann, was ihm beliebt, aber nicht, woher er beides nehmen soll. Die Minderlinge wurden von niemandem unterdrückt, keiner übte Zwang auf sie aus, im Gegenteil, sie waren völlig frei und konnten tun und lassen, was sie wollten; statt aber diese uneingeschränkte Freiheit zu genießen, starben sie wie die Fliegen.«“


Stanislaw Lem wurde am 12. September 1921 in Lwów (Lemberg) geboren und verstarb am 27. März 2006 in Krakau.

https://german.lem.pl/

Anlässlich seines 100. Geburtstages sind im Suhrkamp Verlag vier neue Ausgaben aus dem Werk des Autors erschienen: Sterntagebücher und Der futurologische Kongreß, rund um den lemschen Helden Ijon Tichy, sowie Der Unbesiegbare und Best of Lem, das Kostproben seiner berühmtesten Erzählungen und auch unbekanntere Glanzlichter versammelt.

Die wbg hat zudem die lang erwartete erste Biographie in deutscher Sprache über Stanisław Lem herausgebracht. Alfred Galls umfassende Darstellung verdeutlicht den Zusammenhang von Leben und Wirken Lems mit politischen wie historischen Hintergründen. Sie zeigt, wo Lems Interesse für Raumfahrt, Nanotechnologie und künstliche Intelligenz sowie seine Vorliebe für futuristische Szenarien ihren Ursprung haben.

Stanisław Lem ist einer der bekanntesten polnischen Philosophen, Essayisten und Autoren, der sich sowohl mit seiner Science-Fiction-Literatur als auch mit seinen Texten zu Kybernetik, Literaturtheorie und Futurologie einen Namen machte. Lem gilt als brillanter Visionär und Utopist, der zahlreiche Technologien Jahrzehnte vor ihrer Entwicklung erdachte. Sein literarisches Werk wurde vielfach ausgezeichnet, verfilmt und in 57 Sprachen übersetzt.


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