PHUNG-TIEN PHAN: Café Chardonnay – alles nehmen

Café Chardonnay – alles nehmen heißt die Ausstellung der vietnamesisch-deutschen Künstlerin Phung-Tien Phan, die in Essen lebt und sich im Rheinland seit 2016 einen Namen gemacht hat. Ihre Arbeiten kreisen dabei regelmäßig um die Frage nach der Bedeutung des Lebens, um den Status Quo der darin konsumiert wird, die Rollenmuster, denen sich leicht verfallen lässt und die Brüche, die sich zwischen diesen Alltäglichkeiten, aber auch kulturellen Widersprüchlichkeiten ergeben. Unaufhebbar scheint dabei die Kluft zwischen dem Glauben an die Akkumulation im Hier und Jetzt und an das Leben als Station zwischen Geburt und Tod, das im vietnamesischen Buddhismus verankert ist.





Irgendwo zwischen Konsumgütern, repräsentativem Stil und aufprojezierten Rollenbildern ereignet sich das Paradox, dem Phan in ihren multimedialen Arbeiten nachgeht. Sie enthalten eine Art nüchternen Humor, der einen Lachen machen könnte – wenn einem das Lachen bei genauerer Betrachtung nicht im Halse stecken bliebe vor so viel Realität.

Phans Videos arbeiten mit einer vermeintlich privaten Alltagsästhetik belangloser Selbstinszenierung, die darüber hinwegtäuschen könnte, dass sie ein präzise geplantes Schauspiel im wörtlichen Sinne sind. Architektur, Mobiliar, Bild-im-Bild-Situationen und die Protagonist*innen changieren in ihren Darstellungen und Handlungen zwischen inneren Wünschen und äußerer Repräsentation, Identitätsvorstellungen und den Blicken der „Anderen“. Die an Youtube-Videos erinnernde Verwendung von Kamera und Schnitt suggeriert eine Nähe, die mit einer Ziel- und Rastlosigkeit einhergeht und damit gleichermaßen unzugänglich wird.

Für ihre Ausstellung im Kunstverein Harburger Bahnhof entstehen ein neues Video und neue Skulpturengruppen: Mit Bananenblättern und Laken umhüllte Möbel im Empire-Stil, die nur Löwentatzen mit rot lackierten Krallen noch hervorschauen lassen, erinnern an die gut vor Staub geschützten Gesellschaftszimmer des 19. Jahrhunderts, in denen man die Gäste empfing und seinen Statusverpflichtungen nachging.
Das dieser Status Quo verbunden war mit harter (und weiblicher) häuslicher Arbeit, blieb verborgen. Noch heute steht die gepflegte Einrichtung für einen Status, den man erreicht zu haben scheint und mit dem man die Arbeit dahinter unter Attraktivität verbirgt. Alles nehmen – und alles geben.

Die zweite Skulpturengruppe verbindet modellhafte Rollwägen mit größenwahnsinnigen Hochzeitstorten aus Silikon, die genauso gut Modelle für Wolkenkratzer sein könnten. Wo unten Beautyartikel und häusliche Kleinaltäre im Setzkasten und Modellformat eine Plan- und Organisierbarkeit suggerieren, erzählen die überdimensionierten Torten von überdimensionierten Erwartungen. Es geht um die Widersprüchlichkeiten einer post-migrantischen und neoliberal durchgefärbten post-kapitalistischen Gesellschaft, in der dem Individualismus alles offen steht. Könnte man zumindest denken, bevor man bemerkt, dass die Macht über das eigene Gelingen auch nur eine Ware ist.

Pressetext: Kunstverein Harburger Bahnhof


Phung-Tien Phan (*1983)

lebt und arbeitet in Essen, Deutschland. Sie studierte an der Folkwang Universität der Künste, Essen und an der Kunstakademie Düsseldorf in der Klasse von Christopher Williams. Phan ist Mitbegründerin des Künstler*innenkollektivs New Bretagne, welches den Kunstraum Belle Air (2014-2017) in Essen initiierte. Ihre Arbeiten wurden u.a. ausgestellt in Drei, Cologne (mit Whitney Claflin, 2019); Aedt, Düsseldorf (mit Niklas Taleb, 2018); dem Bonner Kunstverein (2016); Skulpturenpark Moltkeplatz, Essen (2018); der Kunsthalle Düsseldorf (2015) und dem Museum Folkwang, Essen (2014).


Kunstverein Harburger Bahnhof
Im Fernbahnhof über Gleis 3 & 4
Hannoversche Str. 85
21079 Hamburg
www.kvhbf.de

Phung-Tien Phan: Café Chardonnay – alles nehmen

1. August – 4. Oktober 2020

Eröffnung: 31. Juli 2020, 19 Uhr

Öffnungszeiten: Mi – So 14 – 18 Uhr
Eintritt frei

Der Kunstverein Harburger Bahnhof versteht sich als lebendiger Kunstraum im Süden Hamburgs, der sich der jungen Hamburger Kunstszene ebenso verpflichtet fühlt wie den internationalen Entwicklungen der aktuellen Kunstproduktion. Seit seiner Gründung 1999 befindet sich der Kunstverein im ehemaligen Wartesaal der 1. und 2. Klasse, des 1897 in Betrieb genommenen Bahnhofs. Er ist Präsentations- und Produktionsort für junge lokale, nationale und internationale Künstlerinnen und Künstler und ein offen zugänglicher Raum für alle interessierten Besucher_innen (der Eintritt zu den Ausstellungen und Veranstaltungen ist traditionell frei).

Sei 2019 werden auch erstmals vier Wandvitrinen in das Ausstellungsprogramm des Kunstvereins mit einbezogen, die sich auf Gleis 3 und 4 als jederzeit öffentlich zugängliche Ausstellungsflächen befinden. Für diesen neuen Spielort werden über das Jahr immer wieder Projekte realisiert, die sich konkret mit der Bahnhofsrealität und ihren zeitlichen, infrastrukturellen, emotionalen und sozialen Gefügen auseinandersetzen.

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