Malen bis zum Schluss! LOTTE LASERSTEIN, die Menschenmalerin

Kurze Haare, lockere Hosen: In den Zwanzigern befreit sich die Mode vom Korsett der Kaiserzeit – die „Neue Frau“ steht für Emanzipation. Lotte Laserstein macht sie zu ihrem wichtigsten Bildthema. Kunsthistoriker Dr. Thomas Carstensen in der Kunststätte Bossard mit einem Vortrag zum Internationalen Frauentag.

Lotte Laserstein, Ich und mein Modell, 1929/30 Öl auf Leinwand, 49,5 × 69,5 cm, The Bute Collection at Mount Stuart, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 Foto: Städel Museum

Vorgestellt wird die deutsch-schwedische Malerin Lotte Laserstein (1898–1993). Zwischen 1925 und 1933 erregten ihre faszinierenden Menschenbildnisse, die mit ihrer frappierenden Realitätstreue sogar die Werke der Neuen Sachlichkeit übertrafen, in Deutschland großes Aufsehen. Vor dem Hintergrund aktueller Debatten zu Gender und Diversität beeindruckt vor allem Lasersteins souveräner Blick auf die großstädtischen, selbstbewussten Frauen ihrer Zeit.


Wie viele Künstlerinnen wurde auch Lotte Laserstein lange von der Kunstgeschichte ignoriert. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft musste die Malerin, die als eine der ersten Frauen ein Akademiestudium absolviert hatte und im Berlin der 1920er-Jahre erste Erfolge feierte, 1937 nach Schweden emigrieren. In Deutschland geriet sie für Jahrzehnte in Vergessenheit.

Lotte Laserstein teilt das Schicksal vieler ihrer Zeitgenossen, die in der Weimarer Republik anfingen, sich eine Reputation aufzubauen, deren künstlerische Laufbahn durch das NS-System aber massiv beschnitten wurde. Sie kann der sogenannten ‚verschollenen Generation‘ zugerechnet werden, da ihre realistisch gemalten Bilder in der avantgardeorientierten Nachkriegsforschung vernachlässigt wurden.

Die Wiederentdeckung

„Das Städel in Frankfurt zeigte 2018/19 in der Ausstellung „Von Angesicht zu Angesicht“ eine Malerin, die durch alle Raster fiel: Von der Nationalsozialisten als „entartet“ deklariert, für die jüdischen Künstlerverbände nicht jüdisch genug, für die Nachkriegszeit zu figürlich und, zynischerweise, nicht „entartet“ genug. Die Wiederentdeckung der Malerin erzählt auch eine Geschichte über Museen und die Ausstellungspraxis, lieber nach dem nächsten großen Ding zu suchen.“ [Anja Reinhardt, Deutschlandfunk]


Menschenmalerin

1928 nahm Laserstein mit Russisches Mädchen mit Puderdose an dem Wettbewerb „Das schönste deutsche Frauenporträt“ teil, das unter 365 Werken für die Endrunde nominiert wurde. Die 26 ausgewählten Gemälde wurden in der Galerie Gurlitt ausgestellt und von einem breiten Publikum begeistert aufgenommen.

Lotte Laserstein (1898-1993)
Russisches Mädchen mit Puderdose, 1928 Öl auf Holz, 31,7 x 40 cm, 
Städel Museum, Frankfurt am Main
Foto: Städel Museum – ARTOTHEK © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Bei dem Gemälde „Russisches Mädchen mit Puderdose“ handelt es sich um ein Hauptwerk der Künstlerin, welches ihre Formensprache und Modernität eindrücklich zur Geltung bringt. Es zeigt ein junges, modisch gekleidetes Mädchen mit einem für die Zeit typischen, burschikosen Haarschnitt. Die Dargestellte begutachtet ihre Frisur mithilfe einer Puderdose in einem großen Spiegel.

Die flächige Malweise des Hintergrundes, der Kleidung und des Spiegels kontrastiert mit den präzise ausgeführten Details der Hände und des Gesichts. Effektvoll bedient sich Laserstein ästhetischer Stilmittel wie farblicher Hell-Dunkel-Kontraste und Frontalansicht.


Durch Porträts ihrer Zeitgenossen machte sich die Malerin Lotte Laserstein im pulsierenden Berlin der Weimarer Republik einen Namen. In ihren Gemälden zeigte die Künstlerin das sie umgebende Berliner Leben, richtete dabei den Fokus auf Darstellungen der sogenannten „Neuen Frau“ und fing ihre Bildmotive mit einem dezidiert weiblichen Blick ein.

Erfolgreich beteiligte sie sich an zahlreichen Ausstellungen und Wettbewerben und erhielt viel Lob von der Kunstkritik. Nach der frühen Anerkennung endete ihre Karriere jedoch schlagartig: Aufgrund der politischen Bedingungen im Nationalsozialismus wurde die Malerin, die zwar christlich getauft war, doch aufgrund ihrer Großeltern als jüdisch deklariert wurde, zunehmend aus dem öffentlichen Kulturbetrieb ausgeschlossen. 1937 gelang es ihr, Deutschland zu verlassen und nach Schweden zu emigrieren, wo sie allerdings nicht mehr an ihre frühen Erfolge anknüpfen konnte. Das Gemälde „Russisches Mädchen mit Puderdose“ nahm die Künstlerin mit ins schwedische Exil.

VIDEO | Lotte Laserstein. Von Angesicht zu Angesicht (Frankfurt 2018)


Mit dem Abspielen des Videos akzeptieren Sie unsere Datenschutzerklärung.

STIL UND MOTIVE
Die Bilder Lasersteins stehen stilistisch der Neuen Sachlichkeit nah, doch passen sie nicht recht in diese kunsthistorische Kategorie. Im Hinblick auf Sujets und Grundhaltung lassen sich in Lasersteins Arbeiten zwar Anklänge an diese Kunstströmung finden, doch ist ihr Malstil weder objektivierend unterkühlt noch gesellschaftskritisch überzeichnet, wie für die Neue Sachlichkeit typisch. Ihre Malweise verbleibt stets realistisch, mit teilweise spätimpressionistisch lockerem Pinselduktus und einem sorgsam komponierten Bildaufbau.

Insgesamt ist der Einfluss ihrer akademischen Ausbildung – zu der sich Frauen damals gerade erst den Zugang erkämpft hatten – in ihren Werken deutlich erkennbar, weshalb ihr Stil als akademischer Realismus bezeichnet werden kann. Obwohl handwerklich traditionell, waren ihre Bilder inhaltlich von großer Aktualität.

Lotte Lasersteins favorisiertes Thema ist der Mensch in all seinen Facetten, weshalb sie sich hauptsächlich der Porträtmalerei widmet. In ihren Porträts setzt sie virtuos die Menschen der Zwischenkriegszeit ins Bild, wie etwa in Liegendes Mädchen auf Blau (1931) oder in Der Mongole (1927). Dabei zeichnen Nüchternheit, Modernität wie auch psychologische Tiefe ihre Darstellungen aus. In ihrem Œuvre gibt es ebenso Motive, die von der Technik- und Sportbegeisterung der Zeit künden, doch sind diese zahlenmäßig weit weniger bedeutend. In ihren Bildnissen malt Laserstein Typen des modernen Alltags: sportive Frauen, sich schminkende junge Mädchen, einen Motorradfahrer in voller Montur und modisch gekleidete Großstädterinnen.

Lotte Laserstein (1898-1993)
Liegendes Mädchen auf Blau, um 1931. Öl auf Papier, 69 × 93 cm; 
Privatbesitz, Courtesy DAS VERBORGENE MUSEUM, Berlin. 
Foto: DAS VERBORGENE MUSEUM, Berlin; © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Die Künstlerin spielt mit Zitaten aus der Kunstgeschichte und baut oftmals Spiegelungen und Verdoppelungen der Figuren ein. Häufig malt sie komplexe Kompositionen, in denen sie sich auch selbst beim Malen im Atelier zeigt, um auf ihre Rolle als akademisch ausgebildete Künstlerin zu verweisen. Darüber hinaus entwirft Laserstein mit ihren modisch gekleideten Protagonistinnen den Typus der emanzipierten Städterin, die sich ohne männliche Begleitung frei und selbstbewusst im öffentlichen Raum bewegt.


BUCH | Lotte Laserstein.
Meine einzige Wirklichkeit

LESEPROBE

Gebundene Ausgabe,
248 Seiten,
Sprache: Deutsch,
72 Abbildungen, 92 Farbabbildungen
23 × 28 cm

Aktualisierte Neuauflage der Monografie, die zur künstlerischen Wiederentdeckung der einzigartigen Malerin der Weimarer Zeit führte.

„Der vorliegende Band ist kein Werkverzeichnis, viel mehr eine gut illustrierte Biografie, die Laserstein als Person und Künstlerin vorstellt. 2003 erschien eine Monografie der Künstlerin und 2006 eine Dissertation, die beide lange vergriffen sind. Der vorliegende Band ist die Neuauflage der 2003 erschienenen Publikation, die nun gründlich überarbeitet und aktualisiert wurde. Die Chance, eine wichtige Künstlerin zu entdecken.“ [ Bettina Scheurer in: ekz.bibliotheksservice ID 2018/21 ]

Vor dem Hintergrund aktueller Debatten zu Gender und Diversität beeindruckt vor allem Lasersteins souveräner Blick auf die großstädtischen, selbstbewussten Frauen ihrer Zeit. Thematisch stehen ihre Bildnisse und Akte der Neuen Sachlichkeit nahe, doch sind Lasersteins Darstellungen frei von unterkühlter Glätte und bissiger Schärfe. Vielmehr zeichnet sich ihr Realismus durch einfühlsame Beobachtung, malerische Sinnlichkeit sowie ein raffiniertes Spiel mit traditionellen und modernen Bildformeln aus.


Kunststätte Johann und Jutta Bossard

www.bossard.de

Malen bis zum Schluss! LOTTE LASERSTEIN, die Menschenmalerin
Kunsthistoriker Dr. Thomas Carstensen | Vortrag zum Internationalen Frauentag

SO 08 MRZ 26 | Kunststätte Bossard 11 Uhr | Eintritt 17,-

Die Kunststätte Bossard ist ein Museum und expressionistisches Gesamtkunstwerk. Auf einem etwa drei Hektar großen Heidegrundstück zwischen Jesteburg und Lüllau im Norden der Lüneburger Heide erbauten Johann Michael Bossard (1874–1950) und seine Frau Jutta Bossard-Krull (1903–1996) verschiedene Gebäude und eine Gartenanlage. Sie versuchten, die Künste Architektur, Bildhauerei, Malerei, Kunstgewerbe und Gartenkunst zu einem Ganzen verschmelzen zu lassen. Entstanden ist das Ensemble von 1911 bis 1950.

Betreiber:in des 1997 eröffneten Museums ist die Stiftung Kunststätte Johann und Jutta Bossard. Das Grundstück, die Gebäude und Kunstwerke sowie die Archivalien aus dem Nachlass brachte Jutta Bossard-Krull in die 1995 gegründete Stiftung ein.


Artikel weiterempfehlen | SOCIAL MEDIA anonym durch Einsatz des c't-Projektes Shariff

Harburger Kultur | Artikel-Tipps