LUCY BEECH | Detritus

Teil 3 der Waste-Trilogie: Im Zentrum von Lucy Beech’s Ausstellung im Kunstverein Harburger Bahnhof steht eine neue Mehrkanal-Videoinstallation. Eintritt frei.

Notes on Warm Decembers 2024 Courtesy Lucy Beech 1000 - LUCY BEECH | Detritus
Abb.: Notes on Warm Decembers, 2024, Courtesy Lucy Beech

„Detritus“ verweist auf Form und Inhalt des Films als Ansammlung von zerfallenem Material und Trümmern aus dem Entstehungsprozess. Das Ergebnis schwankt zwischen einem Theaterstück, einer Lesung, einer filmischen Erzählung und einem Prozess des kreativen Abfallmanagements.


Während ein Teil des Bildmaterials alle drei Kanäle einnimmt, werden andere B-Rolls und Filmfragmente auf separaten Leinwänden collagiert, um die chaotischen, ungezügelten Aspekte kreativer Entstehung zu spiegeln. Diese erweiterte filmische Erfahrung entwickelt sich aus einem Dilemma, mit dem sich Beech konfrontiert sieht: Bei der Produktion von Filmen fällt eine beträchtliche Menge an Abfall an. Die Tatsache, dass das Material entsorgt wird, kann widersinnig erscheinen, insbesondere angesichts von Beech’s Interesse an „Abfallwegen“, der Rolle, die wir bei der Erzeugung, Ignoranz, Bewältigung oder Analyse von Abfall in seinen verschiedenen Erscheinungsformen spielen.

Beechs Hauptmedium ist der Film. Die Arbeiten der Waste-Trilogie entspringen dem Interesse an der Geschichte von Technologie, Umweltwissenschaft, Tierforschung und dem Queer-Feminismus. Beech konstruiert Erzählungen durch die Verschmelzung hybrider Materialien zu Drehbüchern, die sich an der Schnittstelle von Dokumentation, Fiktion und Poesie bewegen. Die Filme erforschen medizinische und technologische Prozesse, die weitreichende gesellschaftliche und politische Konnotationen haben und die Möglichkeiten von Konzepten wie Fruchtbarkeit, Produktivität, Sex, Natur und Abfall aufdecken.

„… ist es weniger ein konkret politischer oder ökologischer Ansatz, den die englische Künstlerin Lucy Beech verfolgt. Sie konfrontiert das Thema stattdessen mit feministischen Debatten um Transition und setzt auf einen Tabubruch. Körperliche Aus- und Abscheidungen werden aus dem intim privaten Raum in die Öffentlichkeit geholt. Auf Videobildern blubbert Kacke in einer Kläranlage, Urin flutet die Sinne, ein Teenager befriedigt sich in der Badewanne und Stoffwechselmüll wird ganz allgemein hochgetunt zum Symbol für Kreativität.“ (

TAZ, Befreiender Ausfluss | Die Künstlerin Lucy Beech beschäftigt sich mit Körperflüssigkeiten und Geschlechterzugehörigkeit | Artikel zur Oldenburger Ausstellungsstation lesen https://taz.de/Ausstellung-Working-With-Waste/!5953531/

„Detritus“ basiert auf einem Gedicht der Queer-Theoretikerin Eve Kosofsky Sedgwick und schildert eine Coming-of-Age-Geschichte der Protagonistin Beatrix, die durch verzögerte Trauer und quasi-sinnliche Erfahrungen mit ihrem verstorbenen Vater navigiert. Am Ende des Originalgedichts legt Sedgwick die Reste ihres Arbeitsprozesses in Form von Notizen offen (Überarbeitungen, Ausschnitte, alternative Handlungsstränge). Unfähig, ihren kreativen Abfall zu integrieren, aber nicht gewillt, ihn zu entsorgen, serviert sie die Überbleibsel in ihrem fragmentierten Zustand. Der Film nimmt Sedgwicks poetischen Abfall als Einladung zur künstlerischen Interpretation und experimentiert mit den widersprüchlichen Abläufen des Gedichts.

It was nine years Sedgwick left
Beatrix in the bath, nine years
before she seemed able to write
poetry of any kind.

Running up against ​‘unyielding
brick walls’, what she called (euphemistically)
a standstill.

Her notes describe what was supposed to happen if this writerly crisis hadn’t intervened.”

Notes on the Warm Decembers, (1978 – 1987) Eve Kosofsky Sedgwick

Um diese mehrteilige Ausstellung zu realisieren, hat das Edith-Russ-Haus in Oldenburg mit dem Kunstinstituut Melly in Rotterdam und dem Kunstverein Harburger Bahnhof in Hamburg zusammengearbeitet. Jede der drei Ausstellungen stellt unterschiedliche Aspekte von Beechs kollaborativer und forschungsbasierter Praxis in den Vordergrund und bildet durch die Auswahl der Werke und deren Präsentation einen eigenen Schwerpunkt.

Die präsentierten Filme wurden von Beech in 4K gedreht und enthalten Surround-Sound. Die Dauer der Filme liegt zwischen 15 und 30 Minuten. Im Kunstinstituut Melly wurde das Erlebnis der üppigen Bilder und des Tons dieser Filme durch isolierte, abgedunkelte Galerien noch verstärkt.

Lucy Beech erhielt eines der Stipendien für Medienkunst der Stiftung Niedersachsen am Edith-Russ-Haus 2022.

„Beech, die England geboren und aufgewachsen ist, hat gerade ein zweijähriges Stipendium am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte abgeschlossen. Der Schwerpunkt dieses Forschungsinstituts in Berlin, wo Beech lebt und arbeitet, liegt auf „wissenschaftlichem Denken und wissenschaftlicher Praxis als historischem Phänomen“. Die Forschungen des Künstlers befassten sich insbesondere mit dem Verhältnis von Körperabfall und Reproduktionsprozessen. Beech gründete auch die Forschungsgruppe Working with Waste, die sich aus Künstlern, Wissenschaftlern und anderen Praktikern zusammensetzt. Doch während Beech rigorose Forschung betreibt und einige der in ihren Filmen gezeigten Experimente real sind, fällt die Arbeit ihrer künstlerischen Praxis eindeutig in die Kategorie der spekulativen Fiktion. Die Künstlerin setzt sich für das hypothetische und generative „Was wäre wenn?“ ein, das Kunst, Kreativität und Wissenschaft gemeinsam haben.“ (via Kunstinstituut Melly)


Kunstverein Harburger Bahnhof
Im Fernbahnhof über Gleis 3 & 4

www.kvhbf.de

LUCY BEECH | Detritus

Teil 3 der Waste-Trilogie

Ausstellung: 10.02. bis 05.05.2024

FR 09 FEB 24 | 19 Uhr: ERÖFFNUNG

Die Ausstellung in Hamburg ist der Abschluss einer mehrteiligen Reihe in Zusammenarbeit mit dem Edith-Russ-Haus für Medienkunst in Oldenburg und dem Kunstinstituut Melly in Rotterdam. Jede der drei Ausstellungen konzentriert sich auf unterschiedliche Aspekte von Beech’s kollaborativer und forschungsbasierter Praxis und bildet durch die Auswahl der Werke und deren Präsentation einen eigenen Schwerpunkt.

09.06. – 19.11.2023
Lucy Beech | Ooze
Teil 1 der Waste-Trilogie
Kunstinstituut Melly, Rotterdam

06.07. – 01.10.2023
Lucy Beech | Working With Waste
Teil 2 der Waste-Trilogie
Edith-Russ-Haus, Oldenburg

Der Kunstverein Harburger Bahnhof versteht sich als lebendiger Kunstraum im Süden Hamburgs, der sich der jungen Hamburger Kunstszene ebenso verpflichtet fühlt wie den internationalen Entwicklungen der aktuellen Kunstproduktion. Seit seiner Gründung 1999 befindet sich der Kunstverein im ehemaligen Wartesaal der 1. und 2. Klasse, des 1897 in Betrieb genommenen Bahnhofs. Er ist Präsentations- und Produktionsort für junge lokale, nationale und internationale Künstlerinnen und Künstler und ein offen zugänglicher Raum für alle interessierten Besucher:innen (der Eintritt zu den Ausstellungen und Veranstaltungen ist traditionell frei).

Sei 2019 werden auch erstmals vier Wandvitrinen in das Ausstellungsprogramm des Kunstvereins mit einbezogen, die sich auf Gleis 3 und 4 als jederzeit öffentlich zugängliche Ausstellungsflächen befinden. Für diesen neuen Spielort werden über das Jahr immer wieder Projekte realisiert, die sich konkret mit der Bahnhofsrealität und ihren zeitlichen, infrastrukturellen, emotionalen und sozialen Gefügen auseinandersetzen.



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