DARA FRIEDMAN – Kunstverein Harburger Bahnhof | Ausstellungen 2019

Abb.: Dara Friedman - Temple Door, 2019

Der Kunstverein Harburger Bahnhof freut sich über Annette Hans und Rebekka Seubert als neue Künstlerische Leitung. Ihre gemeinsame Tätigkeit haben die beiden Kuratorinnen zum 1. November 2018 aufgenommen. Zusammen wollen sie an die Arbeit ihrer Vorgängerinnen anknüpfen und die Rolle des Kunstvereins in der Stadt wie auch die überregionale, internationale Aufmerksamkeit weiter stärken.


[ Pressemitteilung des Kunstvereins vom 8.2.2019 ]

In 2019 richtet ihr Programm den Fokus auf die Zusammenarbeit mit internationalen wie lokalen Künstlerinnen und Künstlern sowie auf die räumliche Verortung des Vereins im Bahnhofsgebäude und die Bedingungen und Spannungen, die sich daraus ableiten.

Den Auftakt macht im Februar die Gruppenausstellung „Realismus mit Schleife“ mit Juliette Blightman, Ellen Gronemeyer, KAYA, Martin Kohout, Katrin Mayer, Chris Reinecke und Pablo Schlumberger. Es folgen Einzelausstellungen mit der irischen Künstlerin Jesse Jones sowie der deutsch-amerikanischen Videokünstlerin Dara Friedman, die für den historischen Wartesaal neue Arbeiten erstellen werden.

Dieses Jahr werden auch erstmals vier Wandvitrinen in das Ausstellungsprogramm des Kunstvereins mit einbezogen, die sich auf Gleis 3 und 4 als jederzeit öffentlich zugängliche Ausstellungsflächen befinden. Für diesen neuen Spielort werden über das Jahr immer wieder Projekte realisiert, die sich konkret mit der Bahnhofsrealität und ihren zeitlichen, infrastrukturellen, emotionalen und sozialen Gefügen auseinandersetzen.

Der Kunstverein Harburger Bahnhof freut sich 2019 außerdem, sein 20-jähriges Bestehen zu feiern, was für Annette Hans und Rebekka Seubert Anlass bietet, in einem Ausstellungs- und Performanceprogramm im kommenden Herbst den Handlungsradius eines Kunstvereins in einer sich wandelnden Gesellschaft als Wagnis und als offenes Angebot zu bestimmen.

Annette Hans und Rebekka Seubert - Foto Robert Schlossnickel

Annette Hans (*1982, Kunsthistorikerin) war nach einem Volontariat im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen Kuratorin am Kunstverein in Hamburg sowie Künstlerische Leitung des M.1 Arthur Boskamp-Stiftung. Als freie Kuratorin realisierte sie Projekte in Berlin, Hamburg und Hohenlockstedt zu Konstellationen aus künstlerischen, räumlichen und sozialen Handlungsformen.

Rebekka Seubert (*1985, Studium der Kulturwissenschaften und der Bildenden Kunst) hat neben ihren kuratorischen Tätigkeit im Bonner Kunstverein an der HFBK Hamburg gelehrt und zuletzt die Ausstellungsreihe Inversionen im historischen Lesesaal der Kulturhistorischen Bibliothek Warburg mit initiiert.


AUSSTELLUNGEN


DARA FRIEDMAN – Temple Door

23 Nov – 09 Feb 2020
Eröffnung: FR 22 Nov 2019, 19 Uhr

Eintritt frei

Die erste institutionelle Einzelausstellung von Dara Friedman in Deutschland!

In einer von Konflikten geprägten Zeit wendet sich Dara Friedmans neue Videoarbeit „Temple Door“ gegen die vordergründigen Dichotomien von Gewinnen und Verlieren. Sie untersucht die Strukturen, die Konfrontation, Streit- und Verhandlungssituationen zugrunde liegen – und geht dabei von dem Credo aus, dass der wahre Sieg ein Sieg über sich selbst ist.

Dara Friedmans neue, für die Ausstellung im Kunstverein Harburger Bahnhof produzierte Videoarbeit „Temple Door“ widmet sich in einer konfliktgeprägten Zeit dem Lösen von Konflikten. Sie untersucht die Strukturen, die Konfrontation, Streit- und Verhandlungssituationen zugrunde liegen – und geht dabei von dem Credo aus, dass der wahre Sieg ein Sieg über sich selbst ist.

Für „Temple Door“ entwickelte Friedman zusammen mit den Protagonist*innen ein Vokabular aus Aktionen und Reaktionen: In drei Konfliktsituationen stehen das Selbst, seine Geschichte und die Komplexität seiner Emotionen im Vordergrund. Die Protagonist*innen agieren miteinander konfrontative Szenen aus, beschuldigen sich, werden tätlich, wollen gesehen und wahrgenommen werden. Dabei entwickeln sie Gesten und Aktionen, in denen sich Verwirrung, Wut und Frustration zunehmend in Freude wandeln, wo Subjekt und Körper eine neue Balance finden.

Für die Präsentation der Arbeit schafft Dara Friedman im Kunstverein Harburger Bahnhof ein raumgreifendes Setting.

Zum obenstehenden Video „FIGHT“:

FIGHT (Temple Door) war ein Workshop, der im Mai 2019 in Combo in Venedig stattfand, und es war die zweite Folge der Artissima Experimental Academy. Es nahmen zehn Künstler und Studenten verschiedener künstlerischer Disziplinen teil, und im Laufe einer Woche entwickelten, inszenierten und filmten die Teilnehmer ein Vokabular von Aktionen und Reaktionen, das auf den fünf Formen der Konfliktlösung im Aikido basiert. Ablenkung, Umleitung, Kooperation, Sabotage, Flucht, Verspätung und Verkaufskunst sind einige der Strategien, die die Teilnehmer unter der Leitung von Aikido VII Meister Dan Massimilano Furlanetto analysiert und umgesetzt haben. Die Teilnehmer arbeiteten auch mit der Künstlerin und Bewegungsforscherin Daniela Marcozzi zusammen, die sich mit der Vermittlung von Ausdrucks- und Körperwahrnehmungstechniken beschäftigte. Aus diesem intensiven Workshop entstanden fünf Kurzfilme, die Teil einer neuen Arbeit von Dara Friedman in Zusammenarbeit mit dem Filmemacher Richard Needham sein werden.

Am Ende ist FIGHT ein Workshop, aber es ist auch eine Einladung, sich offen zu legen. Wie so oft in Dara Friedmans Werk geht es darum, „eine Struktur zu schaffen, die Menschen hilft, ihre Geschichten durch ihren Körper zu erzählen“ und „ihre Absicht zu manifestieren“, jenseits jeder äußeren und gegensätzlichen Kraft. Weil unser Körper mit Intelligenz begabt ist und „jeder Teil davon in der Lage ist, zu denken und zu kommunizieren, Emotionen zu vermitteln oder Geschichten zu erzählen“, bedeutet Teilnahme, die Hand anzuheben, wenn jemand sagt: „Wer will spielen“?

Aus dieser Arbeit entstanden fünf Kurzfilme, die Teil eines neuen Kunstwerks von Dara Friedman sind, die nun vom 23. November 2019 bis 9. Februar 2020 im Rahmen einer Einzelausstellung im Kunstverein Harburger Bahnhof in Hamburg gezeigt werden.

INVITATION TO AN ENCOUNTER

A meeting of two: eye to eye, face to face.
And when you are near,
I will tear your eyes out
and place them instead of mine,
and you will tear my eyes out
and will place them instead of yours,
then I will look at you with your eyes
And you will look at me with mine.
(J.L. Moreno, 1914)

EINLADUNG ZU EINER BEGEGNUNG

Ein Treffen von zwei Personen: Auge in Auge, von Angesicht zu Angesicht.
Und wenn du in der Nähe bist,
Ich werde dir die Augen ausreißen.
und sie anstelle von meiner platzieren,
und du wirst mir die Augen ausreißen.
und wirst sie statt deiner anordnen,
dann werde ich dich mit deinen Augen ansehen.
Und du wirst mich mit meinen ansehen.
(J.L. Moreno, 1914)

Dara Friedman (*1968 in Deutschland, lebt in Miami) produziert seit rund 20 Jahren Filme über das Kommunizieren und Denken durch und mit dem Körper. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Subjektivität des Einzelnen und seinen Beziehungen.

„Temple Door“ wurde gefilmt im Rahmen eines 7-tägigen Workshops der Artissima Experimental Academy im Mai 2019 (zusammen mit der Künstlerin / Biologin Daniela Marcozzi und dem Aikidomeister Massimiliano Furlanetto) und ermöglicht durch eine Förderung von Oolite Arts Miami.

Friedmans Umgang mit dem Medium Video unterstreicht dabei das szenische Spiel, das Üben und die Universalität der Situationen ebenso wie die Subjektivität ihrer Protagonist*innen. In einer Zeit, die von Konflikten geprägt ist, wendet sich Friedmans Arbeit gegen die vordergründigen Dichotomien von Gewinnen und Verlieren. „Temple Door“ erarbeitet performativ, dass wahrer Gewinn nur der Gewinn beider Seiten ist und eine Auseinandersetzung mit den eigenen Ängsten erfordert.

„Friedmans Film- und Videoarbeit wird für ihre Fähigkeit geschätzt, den Film auf seine elementarsten, materiellen Essenzen zu reduzieren, die emotional überzeugende, viszerale Erlebnisse schaffen. Sie arbeitet oft in 16mm- und Super-8-Filmformaten, aber auch mit Standard- und High-Definition-Kameras. Ein rigoroser Planungs- und Bearbeitungsprozess schafft ein visuelles visuelles Erlebnis, das durch die Unvorhersehbarkeit der menschlichen Subjekte, mit denen sie oft arbeitet, ergänzt wird. Die Künstlerin baut Beziehungen zu den Menschen auf, die direkt für ihre Kamera auftreten, manchmal durch einen Casting Call identifiziert, um intime Filmumgebungen zu schaffen, die ein Element natürlicher Spontaneität einfangen.Obwohl diese Filme keine linearen Erzählungen haben, ermutigt die kalkulierte Darstellung von bewegten Körpern den Betrachter, sich mit den Themen und Orten auf der Leinwand zu verbinden. Seit den 1990er Jahren kreiert Friedman Filme, Videos und Installationen, die diese Elemente strukturierter und dynamischer Visuals integrieren.“

[ via wikipedia ]


Ida Lennartsson: Avatar Blues

23. November 2019 – 12. Januar 2020

Vitrinen auf Gleis 3&4, Bahnhof Hamburg-Harburg

Dies ist die erste Ausstellung in den vier Vitrinen direkt auf den Gleisen unter uns, die wir ab jetzt regelmäßig bespielen werden.

Ida sagt, Tauben seien Kommunisten. Bzw. möchte sie gerne, dass sie Kommunisten sind, weil sie Tauben sehr gerne mag. Und weil sie Kommunismus mag. Sie sind sehr schlau.
Tauben können scheinbar unglaublich weit fliegen. Sie sehen sehr gut und können sich besser konzentrieren als Menschen. Weil sie alles gleichmäßig teilen, hat Ida entschieden, dass sie Kommunisten sind. Tatsächlich ist es aber das, was man ideale freie Verteilung nennt und was auf das Verhalten vieler Tiere zutrifft. Kapitalismus hat bei ihnen nie wirklich begonnen.


JESSE JONES ?

Multimediale Installation [ angekündigt in einer Pressemitteilung des Kunstvereins vom 8.2.2019 ] Eintritt frei
Könnte mittlerweile gecanceled sein – transparent kommuniziert wird das AKTUELL vom Kunstverein leider nicht.

Einzelausstellung der aus Irland stammenden Künstlerin, die für den historischen Wartesaal des Harburger Bahnhofs eine neue Arbeit erstellen will. Das könnte im Spannungsfeld des BREXIT eine interessante aktuelle politische Stellungnahme ergeben.

„Die in Dublin lebende Künstlerin Jesse Jones gräbt historische Momente des kollektiven Widerstands und der Meinungsverschiedenheiten durch Film und Video aus und nutzt Melodramen und brechtianische Theatertechniken der Entfremdung, um Realitäten in aktuellen sozialen und politischen Landschaften wiederzubeleben. Seit ihrem Abschluss ihres MA in Visual Arts Practice am Dún Laoghaire Institute of Art, Design and Technology in Dublin im Jahr 2005 hat Jones ein beeindruckendes Werk geschaffen, das international ausgestellt wurde.“ [ via OCULA Magazine https://ocula.com/magazine/conversations/jesse-jones/ ]

Jones‘ Arbeit erhält regelmäßig eine kollaborative Dimension, wie Tremble Tremble zeigt, ihre multimediale Installation für den Irischen Pavillon, die von Tessa Giblin auf der 57. Biennale in Venedig (13. Mai-26. November 2017) in Auftrag gegeben und kuratiert wurde. Das Werk besteht aus einer Mischung von Filmen mit der irischen Schauspielerin Olwen Fouréré als Riese mit einem von Jones geschriebenen Drehbuch, die auf freistehende Leinwände projiziert werden, sowie Skulpturen, einer Live-Unterbrechung und einer von Susan Stenger kreierten Soundausgabe.

„Das Drehbuch bezieht sich auf ein 3,2 Millionen Jahre altes Fossil, das als „Lucy“ der Australopithecus bekannt ist, ein Vorfahre der inzwischen ausgestorbenen frühen menschlichen Spezies; unterdrückte Stimmen der Hexenprozesse des 16. Jahrhunderts; und die rechtliche Frage der Abtreibung in Irland. Die resultierende Installation stellt sich eine andere Rechtsordnung vor, die den Körper der Frau über das Gesetz und den Staat stellt und eine neue Weltordnung aufstellt…“ [ via OCULA Magazine https://ocula.com/magazine/conversations/jesse-jones/ ]


Kunstverein Harburger Bahnhof
Im Fernbahnhof über Gleis 3 & 4
Hannoversche Str. 85
21079 Hamburg
www.kvhbf.de

Öffnungszeiten: Mi – So 14 – 18 Uhr
Eintritt frei

Der Kunstverein Harburger Bahnhof versteht sich als lebendiger Kunstraum im Süden Hamburgs, der sich der jungen Hamburger Kunstszene ebenso verpflichtet fühlt wie den internationalen Entwicklungen der aktuellen Kunstproduktion. Seit seiner Gründung 1999 befindet sich der Kunstverein im ehemaligen Wartesaal der 1. und 2. Klasse, des 1897 in Betrieb genommenen Bahnhofs. Er ist Präsentations- und Produktionsort für junge lokale, nationale und internationale Künstlerinnen und Künstler und ein offen zugänglicher Raum für alle interessierten Besucher_innen (der Eintritt zu den Ausstellungen und Veranstaltungen ist traditionell frei).

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