JEREMY HUTCHISON | The Never Never | Kunstverein Harburger Bahnhof

Installation, die die Trennlinien zwischen zeitgenössischer Kunst, Luxuseinzelhandel und musealem Display auflöst. Porschefragmente werden als archäologische Artefakte präsentiert. Eintritt frei

JEREMY HUTCHISON The Never never Studio P 01 0062 1200 - JEREMY HUTCHISON | The Never Never | Kunstverein Harburger Bahnhof
Abb.: JEREMY HUTCHISON

“Did you know – there are more Porsches in Athens than anywhere else in Europe?”
(aus einem Telefongespräch zwischen dem Künstler und seinem Vater)

THE NEVER NEVER basiert auf dieser gezielten Falschmeldung. Der britische Künstler Jeremy Hutchison und die belgische Kuratorin Evelyn Simons entwickelten das Projekt gemeinsam mit der Athener Performancegruppe Nova Melancholia in Griechenland. Der neue Werkkomplex umfasst einen Kurzfilm, Fotoserien, Collagen, Performances und Skulpturen.


Ein Porsche 911 wird in acht Teile zerlegt und von athenischen Performer:innen als Kostüm getragen. Wie Hybride aus der antiken Mythologie tauchen diese bizarren Kreaturen aus dem Meer auf, durchqueren eine Reihe epischer Landschaften, bevor sie in einem Fotostudio ankommen. Begleitet werden sie von einem Werbefilmteam, das selbst zu Akteur:innen der Performance wird.

The Never Never erforscht zeitgenössische Mythen: Fake-News, Luxusbranding, nationale Stereotypen und globalen Kapitalismus. Die Arbeit untersucht, wie rechte Medien Porschebesitz zum Anlass nahmen, um falsche und fremdenfeindliche Behauptungen über die griechische Schuldenkrise zu verbreiten. Tatsächlich steht der Titel des Projekts umgangssprachlich für Schulden. Er bezieht sich auf eine scheinbar endlose Anzahl von Kredittilgungen.

Indem es unvereinbare visuelle Sprachen – von Luxusbranding, Museumswesen, sozialen Medien und dem Karnevalesken – zusammenführt, erforscht The Never Never, wie Mythen durch Kultur und kommerzielle Medien kursieren. Dabei nistet es sich in dieselben Verbreitungswege ein, wenn auch als irrlichternder Eindringling. Die von der Fondazione Prada finanzierte Arbeit kapert die Muster eines Werbefilms – Objekte und Körper, Athener:innen und Porsches, antike Mythen und Marketingmythen werden miteinander verschmolzen.

The Never Never ist als Wanderausstellung konzipiert. In Anlehnung an fahrende Gaukler fungiert jedes Kapitel als ortsspezifische Antwort auf die Situation des jeweiligen Ausstellungsraums; jede dieser Reaktionen untermauert den gleichen grotesken Mythos. Durch die ständige Wiederholung werden die Rituale des Unternehmensmarketings und des kapitalistischen Spektakels nachgeahmt: eine Ausstellungstour, die die Logik einer Markenkampagne aufgreift.

Die erste Station der Reise ist Hamburg – die Werberhauptstadt Deutschlands.
Im Kunstverein Harburger Bahnhof entsteht eine Installation, die die Trennlinien zwischen zeitgenössischer Kunst, Luxuseinzelhandel und musealem Display auflöst. Porschefragmente werden als archäologische Artefakte präsentiert, absurde Reklameclips werben in Endlosschleife für die Ausstellung und Mensch-Maschinen-Hybride erobern Hamburgs Plakatwände.

In dieser Stadt der Mythenproduktion wird das Kunstwerk ununterscheidbar von seiner Eigenwerbung. Dem Publikum wird ein rätselhafter, beunruhigender und zutiefst lächerlicher zeitgenössischer griechischer Mythos geboten.


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Seine Arbeit ist spielerisch und oft absurd. Eingebettet in ihre subversive Logik, ist eine Herausforderung an die Tyrannei des gesunden Menschenverstands. Der Glaube, dass andere Welten möglich sind. Und die eifrige Überzeugung, dass die Kunst sie ins Leben rufen kann.


Jeremy Hutchison (*1979)

Britischer Künstler mit Wohnsitz in London. Arbeitet in den Bereichen Video, Skulptur, Zeichnung und Performance und greift in Systeme und Strukturen ein: Er will Macht ins Wanken bringen, Normen stören und Krisen produzieren.


Kunstverein Harburger Bahnhof
Im Fernbahnhof über Gleis 3 & 4

www.kvhbf.de

JEREMY HUTCHISON | The Never Never

Kuratiert von Evelyn Simons.

Ausstellung: bis 13. November 2022
FR 02 SEP 22 | Eröffnung 19 Uhr

09.09.22 | 18 Uhr Führung
26.10.22 | 18 Uhr Führung

Öffnungszeiten:
MI – SO von 14 – 18 Uhr
Eintritt frei

Der Kunstverein Harburger Bahnhof versteht sich als lebendiger Kunstraum im Süden Hamburgs, der sich der jungen Hamburger Kunstszene ebenso verpflichtet fühlt wie den internationalen Entwicklungen der aktuellen Kunstproduktion. Seit seiner Gründung 1999 befindet sich der Kunstverein im ehemaligen Wartesaal der 1. und 2. Klasse, des 1897 in Betrieb genommenen Bahnhofs. Er ist Präsentations- und Produktionsort für junge lokale, nationale und internationale Künstlerinnen und Künstler und ein offen zugänglicher Raum für alle interessierten Besucher:innen (der Eintritt zu den Ausstellungen und Veranstaltungen ist traditionell frei).

Sei 2019 werden auch erstmals vier Wandvitrinen in das Ausstellungsprogramm des Kunstvereins mit einbezogen, die sich auf Gleis 3 und 4 als jederzeit öffentlich zugängliche Ausstellungsflächen befinden. Für diesen neuen Spielort werden über das Jahr immer wieder Projekte realisiert, die sich konkret mit der Bahnhofsrealität und ihren zeitlichen, infrastrukturellen, emotionalen und sozialen Gefügen auseinandersetzen.


Vitrinen Gleis 3 / 4

3.9. – 13.11.2022: Torben Wessel | „Keine Ideen?”

02.09.22 | 19 Uhr: Eröffnung
06.11.22 | 17 Uhr: Bingoabend

Torben Wessel reflektiert das Format der Vitrinen in ihrer ursprünglichen Funktion als Marketinginstrument. Hierfür installiert er hölzerne Repliken von Reklametafeln, die im Bahnhofkontext auftreten. Im Gegensatz zu digitalen Werbe- und Wechsellichtanlagen, die ein hohes Maß an Aufmerksamkeit generieren, fügen sich die Tafeln subtil in die Umgebung ein. Die Werbeflächen werden durch Flyer beworben und können von lokalen Unternehmen günstig gemietet werden. Alle Einnahmen fließen in das Preisgeld eines Bingoabends. In dokumentarischen Fotografien, die als eine Art Platzhalter dienen, greift Wessel das auch von ihm verfolgte rekursive Prinzip der „Werbung für Werbung“ auf. Die Ausstellung thematisiert auf welche Weise der Imperativ zur Selbstvermarktung im öffentlichen Raum sichtbar wird und hinterfragt zugleich seine Rolle in der Kunst.

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