JACOBA VAN HEEMSKERCK. Kompromisslos modern

Das Kunsthaus Stade zeigt ca. 60 Werke der niederländischen Expressionistin.

Jacoba van Heemskerck - Bild no. 33 (1915) | © Alice de Groot/Kunstmuseum Den Haag

Die Ausstellung im Kunsthaus Stade zeigt ca. 60 Werke der niederländischen Expressionistin aus allen Schaffensphasen: Gemälde, Zeichnungen, Holzschnitte, Glasarbeiten und Mosaike. Sie reichen von einer gegenständlichen, streng rhythmisierten Formensprache bis zu einer organisch-fließenden Abstraktion.


Jacoba van Heemskerck (1876–1923) hat in weniger als zwei Jahrzehnten ein kraftvolles Œuvre geschaffen, das Gemälde, Holzschnitte und Glasarbeiten umfasst. Rhythmische Kompositionen des Bildraums, schwarze Umrisslinien und ein intensiver Farbeinsatz prägen die expressiven Landschafts-, Stadt- und Hafenmotive der Niederländerin.

Durch ihre Hinwendung zur Anthroposophie unterscheidet sich van Heemskerck von anderen Protagonistinnen des Expressionismus. Kunst ist für sie nicht nur Ausdruck subjektiver Empfindung, sondern auch ein Weg der Erkenntnis, vor allem über die elementare Wirkung von Licht und Farbe auf die Betrachterinnen. Die Leuchtkraft und zunehmende Transparenz ihrer Werke machen dies deutlich. Dabei nimmt die angewandte Kunst bei ihr keinen geringeren Stellenwert ein als die Malerei, im Gegenteil, am Ende ihres Lebens verwirklicht van Heemskerck in der Glaskunst ihr Streben nach «leuchtend geistlichen» Farben.

„In einer Zeit, als Frauen weder Akademien besuchen noch ohne die Erlaubnis ihres Gatten ausstellen durften, musste sie sich als ambitionierte und offen lesbisch lebende Künstlerin durchbeißen. Sie hatte in Herwarth Waldens „Sturm“-Galerie und der dazugehörigen Bewegung großen Erfolg, wurde nach ihrem Tod aber vollständig aus den Analen dieser wilden Epoche getilgt.“ [Süddeutsche Zeitung]

Nach ihrer Entscheidung für die Künstlerinnenlaufbahn ist die Niederländerin zunächst im Umfeld des Malers Piet Mondrian tätig. Sie stellt in Amsterdam, Domburg, Brüssel und Paris mit den überwiegend männlichen Kollegen aus. Von 1913 bis 1923 gehört sie zur avantgardistischen Bewegung des «Sturm» von Herwarth Walden in Berlin und ist dort eine der am meisten gezeigten Positionen. Der namhafte Galerist und Verleger machte auch Künstler*innen wie Franz Marc, Wassily Kandinsky, Gabriele Münter oder Alexej Jawlensky bekannt.

KATALOG | Jacoba van Heemskerck.
Kompromisslos modern

LESEPROBE

Taschenbuch, Klappenbroschur
160 Seiten
185 Abbildungen in Farbe
Herausgeber: Hirmer
Sprache: Deutsch
Abmessungen: 24.3 x 1.7 x 26.4 cm

Laura Stamps, Kuratorin für moderne und zeitgenössische Kunst am Kunstmuseum Den Haag, legt dabei den Fokus auf die Bedeutung der Theosophie und Anthroposophie im Werk der Künstlerin. Heemskercks Bestreben nach Vergeistigung in der Kunst hing eng zusammen mit ihrem Interesse für Theosophie.

Jacqueline van Paaschen, die Verfasserin des Werkverzeichnisses, beleuchtet in ihrem Essay die Anbindungen von van Heemskerck an die Freimaurerei. Ihre vielfältige Zusammenarbeit mit dem „Sturm“ von Herwarth Walden ist Gegenstand eines weiteren Aufsatzes.


„Heemskerck nahm Anregungen des Kubismus auf und wurde im Jahr 1913 von Herwarth Walden zum Ersten Deutschen Herbstsalon nach Berlin eingeladen, wo sie vier Bilder zeigen konnte. Die dort ausstellenden Künstler des Blauen Reiter, Wassily Kandinsky und Franz Marc, beeinflussten ihren Weg in die Abstraktion. Nach 1914 fertigte sie auch Bleiverglasungen. Mit Walden, der ihr Agent wurde und ihr auch Raum in seiner Zeitschrift Der Sturm bot, führte sie in den Folgejahren eine regelmäßige Korrespondenz. Auf der 23. Sturm-Ausstellung war sie bereits mit 21 Werken präsent, im Herbst 1914 hatte sie in Hamburg eine Einzelausstellung.“
[ Seite „Jacoba van Heemskerck“. In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 10. Mai 2021, 08:02 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Jacoba_van_Heemskerck&oldid=211804067 ]

Jacoba van Heemskerck - Bild no. 84 (1918)

„Jacoba van Heemskerck geriet bald nach ihrem Tod nahezu in Vergessenheit, so wie viele Künstlerinnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die erst langsam wiederentdeckt wurden oder immer noch werden. Vor allem wurde die Verbindung zu theosophisch-spirituellen Themen bei der späteren Rezeption von Künstlerinnen oft nachteilig ausgelegt, während sie für Künstler, wie zum Beispiel Piet Mondrian, wenig störend oder gar förderlich war. Die Ausstellung will auch dazu beitragen, die genderbedingte unterschiedliche Rezeptionsgeschichte kritisch zu reflektieren.“ [ Dr. Henrike Mund, Kunsthalle Bielefeld ]

Van Heemskercks Suche nach Spiritualität und ihre Ablehnung eines rein durch Materialismus und Positivismus bestimmten Verständnisses der Natur und des Kosmos machen ihr Werk heute, wo wir unter anderen Vorzeichen wiederum gefordert sind, die komplexen Zusammenhänge in der Welt als Ganzes zu sehen, höchst aktuell.

Die Ausstellung ist in Kooperation mit dem Kunstmuseum Den Haag, den Museen Stade und dem Edwin Scharff Museum Neu-Ulm entstanden und wurde zuvor in der Kunsthalle Bielefeld gezeigt.


Jacoba van Heemskerck - Zwei Bäume, Öl auf Leinwand (1910)

Die Schönmalerin

Till Briegleb für die Sueddeutsche Zeitung | Artikel lesen

[ Zur Ausstellung in der Kunsthalle Bielefeld ]

„Das hier erstmals in diesem Umfang präsentierte Gesamtwerk van Heemskercks zeigt sich (nämlich) thematisch und motivisch eng begrenzt, eher entwicklungsarm und nur sporadisch originell. (Aber) der größere Teil der hier als „Kompromisslos modern“ versammelten Werke aus 20 Jahren Atelierarbeit wirkt doch eher fromm und illustrativ. In der großen Häufung sich stark ähnelnder Arbeiten mit Hang zur Schönmalerei bleibt ihr Stil leider eher als One-Trick-Pony in Erinnerung.“


VIDEO | Jacoba van Heemskerck (1876-1923) – Kunstmuseum Den Haag


Kunsthaus Stade

www.museen-stade.de

JACOBA VAN HEEMSKERCK.
Kompromisslos modern

Ausstellung: 25. September 2021 bis 06. Februar 2022
Kuratorinnen:
Laura Stamps (Kuratorin für moderne und zeitgenössische Kunst am Kunstmuseum Den Haag)
Luisa Pauline Fink (Museum Stade)

Öffnungszeiten
Di, Do, Fr 10–17 Uhr
Mi 10 – 19 Uhr
Sa und So 10–18 Uhr

Eintrittspreis
Museen Stade Ticket
Tages-Ticket 8 €


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