HEINO JAEGER | Man glaubt es nicht | Die Ausstellung

JAEGERS PANOPTIKUM. Kunstschau zum 25. Todestag des legendären Hamburg-Harburger Malers, Kabarettisten, Performance-Künstlers und Radio-Kultstars, im Rahmen der Heino-Jaeger-Festspiele 2022.

Heino Jaeger | Selbstportrait | Keller-Atelier am Hamburger Hafen

Heino Jaeger (1938, Harburg – 1997, Bad Oldesloe) war Künstler, Komiker und Nonkonformist. Seine Rundfunksendungen, die ihm in den 1960er- und 70er-Jahren eine breite Aufmerksamkeit bescherten, machten ihn zum Vorbild vieler Satiriker*innen. Neben Hanne Darboven ist er wohl der bekannteste Künstler aus dem Hamburger Süden. Bis heute hat er eine kleine, feine Fangemeinde, und jüngst wurde seine Biografie als Roman von Rocko Schamoni veröffentlicht.


Nach verschiedenen beruflichen Stationen und einer Ausbildung als Textilmusterzeichner hatte Heino Jaeger Grafik an der Hamburger Kunsthochschule studiert und war bei mehreren archäologischen Museen als sogenannter Scherbenzeichner angestellt. Die Themen und Motive seiner freien Arbeiten reichen von volks- und naturkundlichen Objektzeichnungen über vermeintlich klassisch anmutende Landschaften, Straßenszenen hin zu Interieurs. Kindheitserlebnisse aus Kriegs- und Nachkriegszeit werden in Jaegers Darstellungen von zerstörten Gebäude, Panzern sowie zahlreichen Soldatenporträts sichtbar. In Harburg geboren, war er mit seiner Familie in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs nach Dresden gezogen und erlebte hier die verheerende Bombardierung der Stadt.

In Jaegers figurativer Kunst werden Menschen häufig mit technisierten oder mutierten Körperteilen wiedergegeben. Hybridwesen aus Tier und Mensch sitzen bei ihm gemeinsam am Tisch.

Die Zurschaustellung des Banalen einerseits und die Infragestellung eines Normalzustandes andererseits sind der Kern seiner künstlerischen Arbeit. Hiervon sind auch seine Rundfunksendungen geprägt, besonders die „Lebensberatungspraxis“, in der er als Dr. Jaeger die – ebenfalls von ihm gesprochenen – Ratsuchenden in allen Lebenslagen berät.

Seine Klientel hatte zumeist skurrile Probleme: sie wünschten sich Hörgeräte für einen Vogel, kontrollierten Pässe in der eigenen Wohnung oder leiden unter Steinpilzen im Haus. In Ton und Bild wusste Jaeger zu berichten von den Auswüchsen des menschlichen Lebens. Er selbst, der 1997 nach jahrelangem Aufenthalt in psychiatrischen Einrichtung verstarb, hatte so vieles gesehen und erlebt, dass er wusste, ein “normal” gibt es nicht.

Im Kunsthaus Stade wurde im Frühjahr 2022 eine umfassende Ausstellung – mit mehreren hundert Grafiken und Gemälden – zum bildnerischen Werk Heino Jaegers gezeigt. Hierbei traten der Facettenreichtum seiner Bildthemen und seine treffsichere Beobachtungs- und Wiedergabe-Fähigkeit besonders hervor. Flankiert von seinen Hörstücken und originalem Filmmaterial, wurde das dichte, sich zwischen realistischer Wiedergabe, persiflierender Überzeichnung und skurriler Anverwandlung spannende Geflecht sichtbar.

Die Stader Ausstellung hätten wir auch gern in Hamburg-Harburg
gesehen. Allerdings wurden die Ausstellungsräumlichkeiten des ehemaligen Helms-Museums ( Harburger Kultur in der Alten Feuerwache / 3 Etagen ) geschlossen. Damit steht nur noch eine, vergleichsweise lächerliche, kleine Ausstellungsfläche zur Verfügung. Entsprechend mager dürfte die Harburger Jaeger-Schau ausfallen.

1970 erhielt Heino Jaeger den Auftrag für die künstlerische Umsetzung des „Panoramas der Jahrtausende“, das die Veränderung der Umwelt durch den Menschen von der Steinzeit bis in die Gegenwart darstellte. Das raumfüllende, 17-teilige und 22 Meter lange Diorama, war seit 1973 eine der Attraktionen im ehemaligen Helms-Museum. Jetzt ist es nur noch im Altonaer Museum zu sehen.

KATALOG | HEINO JAEGER.
Retroperspektive oder wie man das nennt

Taschenbuch, Softcover
272 Seiten
Mit mehr als 500 Abbildungen
Herausgeber: Verlag Kettler (7. März 2022)
Sprache: Deutsch
23.4 x 3 x 29.2 cm

Mit mehr als 500 Abbildungen und zahlreichen Aufsätzen bietet der Katalog zur Stader Ausstellung tiefe Einblicke und eine faszinierende Übersicht über Heino Jaegers bildnerisches Werk.


Noch heute wundert sich nicht nur die Halbwelt St. Paulis, wie Heino Jaeger es schaffte, in seinem so ostentativ verwahrlosten Keller-Atelier am Hamburger Hafen derart saubere und akkurate Zeichnungen anzufertigen. Im Stil eines surrealen Realismus gehalten, verwendete sie der Künstler nicht selten als Zahlungsmittel für durchzechte Nächte, auch wenn sich schon damals renommierte Galeristen dafür interessierten.

Heino Jaegers Panoptikum | Foto: Jens Ullheimer, Copyright: Familien Jaeger, Zander, Ullheimer

Stadtmuseum Harburg

Ausstellungsraum
STADTMUSEUM HARBURG
Archäologisches Museum Hamburg

Heino Jaeger | Ausstellung „Man glaubt es nicht“

07. Juli bis 21. August 2022

Dienstag – Sonntag von 10 – 17 Uhr, Montag geschlossen
Eintritt, Ausstellung: Erwachsene: 6 Euro; ermäßigt: 4 Euro

Im Rahmen der

Heino-Jaeger-Festspiele 2022.


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