Grenzenloser KOLONIALISMUS | Die Harburger Kautschukindustrie

Hamburg war eines der wirtschaftlichen Zentren des europäischen Kolonialismus. Viele der Waren und Rohstoffe aus Kolonien, die über den Hafen in die Stadt gelangten, wurden in der hiesigen Industrie verarbeitet. Einige Hamburger Unternehmen waren deutschland- oder auch europaweit führend in der industriellen Verarbeitung von Kautschuk, tropischen Ölen und Fetten, Kakao und Elfenbein. In Harburg z. B. die PHOENIX AG, die New-York Hamburger Gummi-Waaren-Compagnie und die HOBUM im Binnenhafen.


Grenzenlos. Kolonialismus, Industrie und Widerstand

Eine Ausstellung im Museum der Arbeit bis 11. April 2021.

Das Museum der Arbeit wird aufgrund der aktuellen Situation und der Ausbreitung des COVID-19-Virus vom 2. November bis voraussichtlich Ende November 2020 geschlossen bleiben.

Mit seiner Sonderausstellung möchte das Museum der Arbeit einen Beitrag zur aktuellen Debatte über den Umgang Hamburgs mit seiner kolonialen Geschichte und zur Diskussion über die langfristigen Folgen kolonialer Herrschaftsstrukturen leisten.

Insbesondere seit dem 19. Jahrhundert konsumierten zahlreiche Menschen in Europa die daraus hergestellten Produkte. Doch wer denkt bei einem Hartgummi-Kamm schon an Plantagen in Kamerun, wer sieht in der Margarine oder der Christbaumkerze eine Verbindung zu Nigeria, wer erkennt in der Seife einen Bezug zu Samoa? Unsichtbar sind auch das Wissen und die Arbeit der Menschen in den Kolonien sowie die koloniale Gewalt und das mit ihr verbundene Leid.

Die Menschen in den Kolonien gewannen Kautschuk, Öle, Kakao und Elfenbein für Hamburgs koloniale Industrie unter den Bedingungen einer rassistischen Gewaltherrschaft. Sie wurden versklavt, zur Arbeit auf Plantagen und in Karawanen gezwungen, ihrer Existenzgrundlage beraubt und vertrieben. Sie leisteten individuell und kollektiv Widerstand, sei es in Protesten oder Petitionen, durch Flucht, Sabotage oder mit der Waffe.


Gib Gummi!
Kautschukindustrie und Hamburg

Gebundene Ausgabe
144 Seiten
200 Farbabbildungen
Edition Temmen
Sprache: Deutsch

Vor 150 Jahren begann in Hamburg die Verarbeitung von Kautschuk zu Hart- und Weichgummiprodukten. Dies war zugleich er Ausgangspunkt einschneidender Veränderungen für die Stadt: Mit den ersten Gummifabriken wurde Hamburg zum Industriestandort und veränderte sein Gesicht in wenigen Jahrzehnten vollständig.

Jürgen Ellermeyer hat die Regionalgeschichte des revolutionären Werkstoffs „Gummi“ und seiner Verarbeitung jahrelang praxisnah erforscht. Die Früchte dieser intensiven Beschäftigung legt er mit diesem Buch vor, das zugleich als Begleitband der Sonderausstellung „Gib Gummi! Kautschukindistrie und Hamburg“ im Hamburger Museum der Arbeit 2006/2007 diente. Mit 200 Farbabbildungen werden darin die faszinierend vielfältige Welt des Gummis und der enge Zusammenhang von industrieller und städtebaulich-sozialer Entwicklung anschaulich und spannend erzählt.


Die industrielle Entwicklung zahlreicher europäischer und deutscher Regionen war seit dem 17. und insbesondere im 19. Jahrhundert von der Verarbeitung von Rohstoffen aus kolonisierten Gebieten geprägt. Auch für Hamburg war diese koloniale Industrie von großer wirtschaftlicher Bedeutung.

Den historischen Ausgangspunkt der Ausstellung bildet die Verarbeitung von Kautschuk, Palmöl und Kokosöl durch hamburgische Unternehmen, die u.a. auf dem heutigen Gelände des Museums der Arbeit, der ehemaligen New-York Hamburger Gummiwaaren-Fabrik, aber auch in Harburg und Wandsbek ansässig waren. Sie stellten seit dem späten 19. Jahrhundert neben Hartgummikämmen, Badehauben, Regenschirmen und Margarine Fertiglebensmittel, Kerzen und Seife her – industriell gefertigte Alltagsprodukte, bei denen die kolonialen Bezüge nicht sofort ins Auge fallen, deren Rohstoffe jedoch unmittelbar mit dem deutschen und europäischen Kolonialismus verflochten sind.

Die Geschichte und Stadtentwicklung Harburgs ist spätestens seit dieser Zeit kaum anders als in globaler Perspektive zu verstehen, wird aber bisher kaum so wahrgenommen. Ein erheblicher Teil der Aufstiegsgeschichte Harburgs als bedeutender Industriestandort spielt in Westafrika, Ostafrika, Südostasien und Südamerika. Daher tut es gut, dorthin im Sinne eines fairen „Nord-Süd-Dialogs“ und einer kritischen Aufarbeitung kolonialer Traditionen von Harburg aus Verbindungen aufzubauen und zu pflegen. Über das Konzept des
Projekts afrika-hamburg.de ist dies über das Internet für viele, auch für Schulklassen, möglich:

Palmöl, Kopra, Kautschuk: Koloniale Spuren in Harburg

http://www.afrika-hamburg.de/afrikaharburg.html

Konzept | Park Postkolonial für die Harburger Schlossinsel

http://www.afrika-hamburg.de/konzeptppharburg.html

AUFSATZSAMMLUNG | Bündis 90 / Die Grünen

Koloniale Spuren im Stadtbild. Das Beispiel Harburg

http://www.wandsbektransformance.de/PDF_WT/Aufsatzsammlung.pdf

Werbeabbildung der Harburger Gummi-Kamm Co von 1880 via SHMH

„Die Werbeabbildung von 1880 auf dem Depotkasten der Harburger Gummi-Kamm Co. verklärt das Sammeln und Verarbeiten des Kautschuk im Urwald zu einer Idylle der edlen Wilden. Stattdessen zapften die Arbeiter im Urwald in einem mühseligen Prozess die Latexmilch und räucherten sie zu Kautschukklumpen, die dann nach Europa verschifft und dort weiterverarbeitet wurden.“

SHMH
Afrikanische Arbeiter und Decksleute platziert zu Füßen der europäischen Kapitäne und Maschinisten der Firma G.L.
Gaiser ( Begründer der Harburger Palmölindustrie ) nahe der großen Palmölhandelsfaktorei des Unternehmens bei Lagos Marina in Westafrika, 1885

Vor diesem Hintergrund stellt die Ausstellung dem gängigen und verharmlosenden Narrativ einer hanseatischen „Kaufmannsindustrie“ die gewaltvollen Realitäten des Kolonialismus, aber auch die Widerständigkeit der betroffenen Menschen gegenüber.

Zentral ist dabei das Thema der kolonialen Zwangsarbeit: Kolonien waren für die beteiligten Hamburger Unternehmen vor allem dann profitabel, wenn diese einen uneingeschränkten Zugriff auf die Arbeitskraft der dort lebenden Menschen gewannen. Dies führte zu unmenschlichen Arbeitsbedingungen, zur Zerstörung traditioneller Wirtschaftsformen und Gesellschaften, zu Hungersnöten, Flucht und Vertreibungen, aber auch zu Protesten und Aufständen der Kolonisierten.

Die Ausstellung gibt insbesondere jenen Akteurinnen und Akteuren Raum, die in bisherigen Darstellungen nicht angemessen repräsentiert sind: Arbeiterinnen und Arbeitern, die gegen ihre Arbeits- und Lebensbedingungen protestierten oder vor Zwangsarbeit flohen ebenso wie lokalen Eliten, die sich gegen die Übergriffe der Kolonisierenden wehrten.

„Turnschuhe waren neben Gummistiefeln ein markanter Artikel der 1856 gegründeten Phoenix Werke in Harburg. Aus kautschukgetränktem Leinen hergestellt, waren sie wasserfester und elastischer als lederne Schuhe.“

SHMH

Das Ziel der Ausstellung ist es, einer breiten Öffentlichkeit die Verflechtung der hamburgischen Wirtschaftsgeschichte mit dem europäischen Kolonialismus nahe zu bringen und so einen verantwortungsvollen und zeitgemäßen Blick auf die hamburgische Stadt- und Industriegeschichte zu ermöglichen.

Damit verbunden ist der Anspruch, einen eurozentristischen*** Blickwinkel auf das Thema konsequent herauszufordern und die Perspektiven der Menschen in kolonisierten Ländern sowie ihrer Nachfahren in die Ausstellung mit einzubeziehen. Das Konzept und die Inhalte der Ausstellung wurden deshalb gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Expertinnen und Experten erarbeitet. Ihre Partizipation ergänzt die Arbeit des Museumsteams um Wissensbestände und Erfahrungen, die dort bisher noch unterrepräsentiert sind: eine intensive Beschäftigung mit der hamburgischen Kolonialgeschichte und deren Spuren in der Stadt, biographische Bezüge in die ehemalige Kolonialgebiete sowie Rassismus-Erfahrungen in einer weißen Mehrheitsgesellschaft.

*** Unter Eurozentrismus versteht man die ideologische Beurteilung inner- und außereuropäischer Gesellschaften nach europäischen Vorstellungen; demnach auf der Grundlage der von Europäern entwickelten Werte und NormenWikipedia


Hamburgs Reichtum durch den Kolonialhandel

Ursula Storost für Deutschlandfunk | Artikel lesen

Deutschland war das drittgrößte Kolonialreich der Welt, Hamburg als Hansestadt profitierte davon besonders. Den Preis für die industrielle Blüte zahlte die indigene Bevölkerung in den Kolonien. Diese lieferten nicht nur Rohstoffe, sie waren auch Absatzmärkte, wie eine Ausstellung in Hamburg nun zeigt.

Gewaltsame Landnahme, Vertreibung einheimischer Bevölkerung, Ausbeutung wirtschaftlicher Ressourcen und Menschenverachtung. Bausteine des Kolonialismus, die Hamburg und die Unternehmen reich gemacht haben, sagt Sandra Schürmann:

„Und Hamburg ist immer noch eine der Städte, die von den neokolonialen Strukturen ganz stark profitiert, über den Hafen, aber auch über die Industrien, die sich hier rund um den Hafen angesiedelt haben und die ihre Rohstoffe über den Hafen bekommen und bekommen haben.“

Ein weiteres Massenprodukt, das über den Hamburger Hafen gehandelt wurde, war Palmöl. 1859 gründete der Unternehmer Gottlieb Leonard Gaiser in Harburg die erste Ölmühle, die ausschließlich tropische Ölsaaten verarbeitete, sagt Stefan Rahner. Gaisers Geschichte wird in der Hamburger Ausstellung erzählt.


Museum der Arbeit,
auf dem Gelände einer ehemaligen Gummifabrik.

www.shmh.de

Grenzenlos. Kolonialismus, Industrie und Widerstand

Ausstellung bis 11. April 2021

Öffnungszeiten
Montag 10 – 21 Uhr
Dienstags geschlossen
Mittwoch bis Freitag 10 – 17 Uhr
Samstag bis Sonntag 10 – 18 Uhr

Eintrittspreise
Einzelbesucher: 8,50 €


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