GEORGES BRAQUE. Tanz der Formen

Georges Braque: Le guéridon rouge / Das rote Tischchen (Detail), 1939–1952, Collection Centre Pompidou, Musée national d‘art moderne, Paris Schenkung George Braque, 1965 © VG Bild-Kunst, Bonn 2021 © Foto: Centre Pompidou, MNAM-CCI / Georges Meguerditchian / Dist. RMN-GP

Das Bucerius Kunst Forum widmet bis zum 30. April 2021 Georges Braque eine retrospektive Ausstellung. Erstmals seit über 30 Jahren wird sein malerisches Werk in Deutschland umfassend präsentiert. Braque gilt als der Initiator des Kubismus und ist einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts.


Die chronologisch aufgebaute Ausstellung spürt mit 80 Werken seiner erstaunlichen schöpferischen Vielfalt nach: vom fauvistischen Frühwerk, über die Entwicklung des Kubismus bis zu den letzten, nahezu abstrakten Serien der Nachkriegszeit.

„Monsieur Braque ist ein sehr junger und mutiger Mann. […] [Er] reduziert alles – Landschaften, Figuren, Häuser – auf geometrische Schemata, auf Kuben“, beschrieb 1908 der Kunstkritiker Louis Vauxcelles Braques Werke anlässlich seiner ersten Einzelausstellung, die zugleich als der erste öffentliche Auftritt des Kubismus gilt.

Hierzulande wurde sein Werk vor allem in den 1930er bis 1960er Jahren und zuletzt 1988 umfangreich ausgestellt. Während ihn jüngst der Pariser Grand Palais (2013) und das Guggenheim Bilbao (2014) mit großen Schauen würdigten, war es seit Ende der 1980er Jahre in Deutschland eher still um den wichtigen französischen Maler.

Mit hochkarätigen Leihgaben, größtenteils aus dem Pariser Centre Pompidou, wird das malerische Werk dieses bedeutenden Künstlers nun erstmals seit über 30 Jahren wieder umfassend in Deutschland präsentiert. Die Ausstellung Georges Braque. Tanz der Formen wurde konzipiert von Brigitte Leal, Kubismus-Expertin und stellvertretende Direktorin des Centre Pompidou. Chronologisch in insgesamt sieben Kapiteln zeigt sie die Vielfalt Georges Braques, der trotz stilistischer Veränderungen und formaler Brüche seiner Linie stets treu blieb – ganz anders etwa als sein Weggefährte Pablo Picasso.


KATALOG | GEORGES BRAQUE.
Tanz der Formen

LESEPROBE

Gebundene Ausgabe
216 Seiten
121 Abbildungen in Farbe
Herausgeber : Hirmer
Sprache : Deutsch
22.23 x 1.91 x 27.94 cm


Das erste Kapitel der Ausstellung widmet sich dem Frühwerk des Künstlers und zeigt Arbeiten aus den Jahren 1906/07. Die wenigen bekannten Bilder dieser Zeit bezeugen seine enge Beziehung und Begeisterung für den Fauvismus und deren Vertreter, insbesondere Henri Matisse, André Derain und Maurice de Vlaminck. Es war das Physische am Fauvismus, wie es Braque später beschrieb, das ihn damals besonders ansprach.

Grelle Töne, expressive Pinselführung und durch reine Farben geschaffene Formen bestimmen seine Werke aus dieser Zeit.

Georges Braque: L’Estaque, Oktober/November 1906,
Centre Pompidou, Musée national d'art moderne, Paris
© VG Bild-Kunst, Bonn 2021
© Foto: Centre Pompidou, MNAM-CCI / Philippe Migeat / Dist. RMN-GP

Im zweiten Ausstellungskapitel wird die Entwicklung des Kubismus zwischen 1908 und 1914 beleuchtet. „Man behandle die Natur gemäß Zylinder, Kugel und Kegel“, schrieb Cézanne bereits 1904. Cézannes Geometrisierung der Formen, aber auch seine Beschränkung auf Ockerfarben griff Braque ab 1908 in Landschaften, Stillleben und Akten auf. Ab 1909 begann die enge Zusammenarbeit zwischen Braque und Picasso. Sie bildeten die kubistische „Seilschaft“, die bis zum Kriegsanfang 1914 hielt. In ihren zwischen 1909 und 1912 entstandenen Arbeiten zerlegen sie das Motiv in schematisierte Formen und setzen die verschiedenen Ansichten des dargestellten Objekts frontal nebeneinander. Für diesen analytischen Kubismus sind eine reduzierte grau-braune Farbpalette und das Durchbrechen der geschlossenen Form charakteristisch. Darauf folgte von 1912 bis 1914 der synthetische Kubismus. Im Gegensatz zu den fast abstrakt wirkenden Werken der vorherigen Phase, ist nun eine größere Lesbarkeit der Formen, die Rückkehr der Farbe und ein nahezu spielerisches Vorgehen, welches die traditionelle Malerei infrage stellt, bezeichnend.

Der erste Weltkrieg bewirkte einen jähen Bruch in der Entwicklung des Kubismus. Zahlreiche Künstlerinnen und Künstler der Moderne schienen die Avantgarde zu verleugnen und entwickelten eine neue Form des Klassizismus. Braque spielte in dieser Entwicklung eine wichtige Rolle, wie das dritte Kapitel der Ausstellung aufzeigt. Ihm wurde 1922 ein ganzer Ausstellungsraum im Pariser Salon d‘Automne gewidmet. Viele Kunstkritiker sahen in den hier ausgestellten Werken, in denen sich das Erbe Camille Corots und des Renaissance-Bildhauers Jean Goujon widerspiegelte, Braques endgültige Ablehnung des Kubismus. Der deutsche Kunsthistoriker Carl Einstein gehörte zu den wenigen, die Braques Scheinklassizismus als eine Fortsetzung und Weiterentwicklung des Kubismus interpretierten. Im Gegensatz zum Kubismus der vorigen Phase, wirken Braques Stillleben aus den frühen 1920er Jahren sanfter und organischer.

Ebenfalls mit einem eignen Kapitel bedacht, sind Braques Mitte der 1920er Jahre entstandenen Kostüm- und Bühnenbildentwürfe. Gezeigt werden hier exemplarisch die Arbeiten für Léonide Massines und Darius Milhauds Ballet Salade, das die Kompanie Les Soirées de Paris 1924 in Paris bei eigens organisierten Wohltätigkeitsveranstaltungen aufführte. Die Farbpalette des Dekors und der Kostüme war schlicht und zurückhaltend – sie entsprach den grauen und braunen Farbtönen Braques Malerei.

Zwischen 1931 und 1942 schuf Braque eine Serie von Stillleben, in der das Erbe des synthetischen Kubismus zum Ausdruck kam. Diese stehen im Zentrum des fünften Ausstellungskapitels. Sie zeichnen sich durch eine flächenhafte dekorative Gestaltung aus. Braque scheint die unbelebten Gegenstände seiner Kompositionen mittels ornamentaler, runder und krummliniger Formen wie Lebewesen zu behandeln. Diese biomorphen Werke lassen sich mit zeitgenössischen Stillleben von Picasso vergleichen, enthalten aber auch Elemente des Surrealismus. Braque thematisiert hier die Verschmelzung zwischen Objekt und Körper und ihre unendlichen Umwandlungen – die gebogene Silhouette der Gitarre erinnert an menschliche Figuren, „ein Glas endet als eine Mandoline, eine Gitarre vollendet eine Flasche“ (Carl Einstein).

Georges Braque: Le duo / Das Duo, Anfang 1937,
Centre Pompidou, Musée national d'art moderne, Paris
© VG Bild-Kunst, Bonn 2021
© Foto: Centre Pompidou, MNAM-CCI / Philippe Migeat / Dist. RMN-GP

Als der Zweite Weltkrieg erklärt wurde, hielt sich Braque zunächst in seinem Atelier-Haus in der Normandie auf und kehrte 1940 mit seiner Familie nach Paris zurück. Braque verbrachte die Besatzungsjahre unter prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen und zog sich in eine Art „aktive Passivität“ zurück. Die schlichten, dunklen Kompositionen dieser Zeit werden im sechsten Ausstellungskapitel präsentiert. Die wiederkehrenden Motive des Schädels, des Rosenkranzes und des Kruzifixes, waren ihm zufolge nur ein Vorwand für formelle Recherchen und sollten nicht die damalige Lage evozieren. Die düstere Atmosphäre der Kriegs- und Besatzungsjahre schien sich dennoch implizit in Braques Bildern widerzuspiegeln.

Die Nachkriegszeit brachte Braque breite Anerkennung. 1946 wurde er etwa mit dem Orden der Légion d’honneur und 1948 mit dem Großen Preis für Malerei der Biennale von Venedig ausgezeichnet. Zahlreiche Ausstellungen wurden vor allem auch in Deutschland, wo seine Kunst zur NS-Zeit als entartet diffamiert wurde, realisiert. Der Pariser Louvre präsentierte Braque 1961 in einer großen Retrospektive – die erste Ausstellung überhaupt, die das Museum einem lebenden Künstler widmete.

Georges Braque: À tire d’aile / Mit raschem Flügelschlag, 1956-1961,
Centre Pompidou, Musée national d'art moderne, Paris
Schenkung Madame Georges Braque, 1965
© VG Bild-Kunst, Bonn 2021
© Foto: Centre Pompidou, MNAM-CCI / Bertrand Prévost / Dist. RMN-GP

Bereits Anfang der 1950er Jahre wurde er vom Louvre mit einem Deckengemälde beauftragt. Es zeigt auf einem blauen Hintergrund schwebende schwarze Vogelsilhouetten und war Ausgangspunkt einer Reihe von Werken mit Vögel-Motiven, die im letzten Kapitel der Ausstellung zu sehen sind. Diese Werke zeichnen sich durch die piktografische Darstellung der Vögel sowie durch neue Raumkonzeptionen aus. Seit seiner kubistischen Phase schuf Braque fast ausschließlich Darstellungen von Innenräumen. Der Vogel stimulierte Braque seine Werke zu öffnen: Der Himmel war wieder zu sehen. So widmete sich Braque in den letzten Jahren seines Lebens einer Serie von Landschaften, für die ein ungewöhnlich horizontales Format und der starke Farbauftrag charakteristisch ist. Die dämmernde Landschaft seines Werks Die Jätmaschine – oft verglichen mit Vincent van Goghs Weizenfeld mit Raben – gilt als das letzte Gemälde, das Braque vor seinem Tod am 31. August 1963 schuf. Es bildet auch den Abschluss der Ausstellung im Bucerius Kunst Forum.

Insgesamt umfasst die Schau 52 Gemälde, 27 Zeichnungen und ein Buch mit Radierungen zu Hesiods Theogonie. Die Leihgaben kommen größtenteils aus dem Centre Pompidou, Musée national d’art moderne, Paris, das über das weltweit größte Braque-Konvolut verfügt. Dieses stammt wiederum zu einem überwiegenden Teil direkt aus dem Nachlass des Künstlers. Ergänzt wird die Zusammenstellung von Leihgaben aus der Hamburger Kunsthalle, der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, der Galerie Louise Leiris, Paris und aus zwei Privatsammlungen. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Centre Pompidou, Musée national d’art moderne, Paris.


VIDEO | Picasso, Braque & Cie – Die kubistische Revolution

Doku F 2018 von Frédéric Ramade, ARTE 28.10.2018

Picasso, Braque, Apollinaire und Kahnweiler – zwei Künstler, ein Dichter und ein Kaufmann – waren Zeitgenossen. Noch vor ihrem 30. Geburtstag veränderten diese vier jungen Männer die Kunstwelt von Grund auf – von der Gestaltung über die Verbreitung bis hin zum Handel. Ein ungewöhnliches Bündnis, in dem sich die visuelle Revolution der Maler Pablo Picasso und Georges Braque auf das literarisch-kritische Genie Guillaume Apollinaires und den hervorragenden Geschäftssinn des deutsch-französischen Galeristen Daniel-Henry Kahnweiler stützte.

Zum Zeitpunkt der Braque-Ausstellung, die Kahnweiler im November 1908 in seiner frisch eröffneten Kunstgalerie nahe der Place de La Madeleine in Paris organisierte, war der Kubismus noch nicht einmal ein Konzept, geschweige denn eine Bewegung. Der Name wurde von einer schmähenden Äußerung von Matisse gegen die „petits cubes“, die „kleinen Würfel“, in Braques Gemälde „Häuser in L’Estaque“ übernommen.

Doch bereits damals waren Braque und Picasso die Taktgeber eines tiefgreifenden Wandels in der Kunst. Unter dem Einfluss der vier Visionäre entfaltete der Kubismus eine unverkennbare Identität, entfachte Begeisterung und faszinierte die Elite der Pariser Kunstszene. Zwischen 1907 und 1914 schworen die vier jungen Wilden dem traditionellen Kunstschaffen ab. Der Rest ist Geschichte: Dank der Erwerbungen europäischer, russischer und amerikanischer Sammler verbreitete sich der Kubismus sehr rasch auch international und Kahnweiler wurde 1920 durch sein legendäres Buch „Der Weg zum Kubismus“ quasi unsterblich.


PRESSESCHAU

VIDEO

Im Interview zur Ausstellung GEORGES BRAQUE. TANZ DER FORMEN gibt Kathrin Baumstark, Kuratorin der Ausstellung, Einblicke in das Leben Braques und stellt die schöpferische Vielfalt seines Werkes vor. Sie erläutert die inhaltliche sowie zeitliche Bandbreite der Ausstellung und berichtet unter anderem über die Freundschaft zu Picasso.


Visualisierte Rhythmen

Wolfgang Krischke für FAZ | Artikel lesen

Frühe Versöhnung, späte Erkenntnis: Das Bucerius Kunst Forum Hamburg zeigt Georges Braque von seinen unbekannten Seiten und zeigt seine Verbindung zu Deutschland auf.

„Initiiert und konzipiert wurde die Ausstellung von Brigitte Leal, der stellvertretenden Direktorin des Pariser Centre Pompidou, aus dessen Beständen der größte Teil der in Hamburg gezeigten Werke stammt. Braque wieder stärker in den Fokus der deutschen Öffentlichkeit zu rücken, ist Leal ein Herzensanliegen. Dies nicht nur wegen der künstlerischen Qualität der Werke, sondern auch, um das besondere Verhältnis zu beleuchten, das Braque mit Deutschland verband. Es waren vor allem deutsche Kritiker und Kunsthändler wie Carl Einstein und Daniel-Henry Kahnweiler, die ihn entdeckten und in seinen Anfängen förderten. Das verlieh Braque und dem Kubismus in den Augen mancher seiner Landsleute einen deutschen und damit antifranzösischen Charakter. Um ihre Geringschätzung auszudrücken, schrieben sie „Kubisme“ und „Bracke“ mit K, um den Maler und seine Kunst mit diesem vermeintlich deutschen Buchstaben – K wie Kaiser! – zu stigmatisieren. Dass Braque und der Kubismus bald darauf in Deutschland wiederum als Inbegriff der „entarteten Kunst“ angeprangert wurden, ist eine bittere Ironie der Geschichte.“


BUCERIUS KUNST FORUM

www.buceriuskunstforum.de

GEORGES BRAQUE. TANZ DER FORMEN

Ausstellung bis 30. April 2021

ÖFFNUNGSZEITEN

Täglich 11 – 19 Uhr
donnerstags 11 – 21 Uhr

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