EVA CASTRINGIUS, JOKE JANSSEN, ANNA TAUTFEST – Kollektive Forschungsmasse | Kunstverein Harburger Bahnhof

In der Ausstellung von Eva Castringius, Joke Janssen und ANna Tautfest werden Möglichkeiten untersucht, Körper, Landschaften und Wissensformationen als unbeständig zu erfassen.


Die drei Künstler_innen beschäftigen sich in ihrer künstlerischen Forschung mit Spuren und Materialitäten, deren diskursiven Normierungen und Kartierungen. Diesen begegnen sie mit Verschiebungen, Verzerrungen und einem strategischen Changieren zwischen Verfestigung und Fluide-Werden.


Eva Castringius‚ künstlerisches Forschungsprojekt beschäftigt sich anhand der Trinity Test Site (New Mexico, USA) mit der Abbildbarkeit von Radioaktivität, ihrer räumlichen Organisation und kulturellen Konstruktion. In einer materiellen und filmischen Suchbewegung erfasst sie die kontaminierte Landschaft des atomaren Versuchsgeländes sowie ihre zirkulierenden Abbilder und Erscheinungsformen als vitales Gefüge. Der Ausgangspunkt für Eva Castringius‘ Arbeiten ist fotografisches Dokumentationsmaterial der Bombenexplosion von 1945, in das sich Spuren der atomaren Zerstörung indexikalisch eingeschrieben haben.

Joke Janssen befasst sich in skulpturalen und performativen Material- und Bewegungsstudien mit Konzeptionen von trans*. Er_ hinterfragt kategoriale Zuschreibungen und sucht Möglichkeiten unbeständiger Darstellungsweisen von Körpern, Identitäten und Positionierungen in einem Zustand kollektiver Fluktuation. In seriellen Experimenten mit Pech befragt er_ die Beziehungen zwischen Körpern und ihrer Umgebung. Auf den ersten Blick oft nicht wahrnehmbare Transformationsprozesse des Materials stellen dem Wissen über die Subjekte, das sich in identitären Zuschreibungen lokalisiert, ein Recht auf Opazität entgegen.

ANna Tautfest erforscht in ihrer künstlerischen Arbeit das Medium Fotografie und die Möglichkeit, mittels ihrer Indexikalität Welten zu imaginieren und zu behaupten. In ihren Rasterbildern thematisiert sie wechselseitige Prozesse des Erfassens und Normierens von Materie. Sie beschichtet großformatig Trägerstoffe mit fotochemikalischer Emulsion, die in der Dunkelkammer zu reliefartigen Kompositionen geformt und belichtet werden. Im Versuch, den Träger der Fotografie und den abzubildenden Körper aneinander anzuschmiegen, wird der Widerstand als Störung im Material und als Unregelmäßigkeit der Belichtung sichtbar. In ihren Videoskizzen führt ANna Tautfest die Auseinandersetzung mit Abbildbarkeit und ihren Grenzen performativ weiter: Trägermaterialien und Ordnungssysteme werden in den gezeigten Ver/Handlungen verformt und eine Irritation der optischen Wahrnehmung erzeugt.

EVA CASTRINGIUS, JOKE JANSSEN, ANNA TAUTFEST

Kollektive Forschungsmasse

21. Oktober – 12. November 2017

Eröffnung am Freitag, 20. Oktober 2017, 19 Uhr
Pressegespräch am Freitag, 20. Oktober, 11 Uhr

Sonnabend, 28. Oktober 2017: „tutunmak. sich halten“, kollektive Performance
Sonnabend, 12. November 2017: Track_6 Widerständige Materialitäten, Reihe „Track Academy“

Im Kern der Ausstellung steht die Frage nach Narrationen, die dominante Lesarten als diskursive Konstrukte erkennbar, veränderlich und verformbar machen. Körper, Landschaften, Objekte und fotografische Dokumentationen sind Teil von komplexen Zusammenhängen gegenseitiger Einwirkungen.

Die beteiligten Künstler_innen, die an der HFBK Hamburg im Graduiertenkolleg „Ästhetiken des Virtuellen“ promovieren, nähern sich Möglichkeitsräumen an, die sich in zeitlichen und räumlichen Vernetzungen und Bewegungen öffnen. In den künstlerischen Forschungsprojekten von Eva Castringius, Joke Janssen und ANna Tautfest zeigen sich Vibrationen von Abbildern, Objekten, Identitäten oder Körpern, die die Annahme von abgeschlossenen Entitäten in Frage stellen.

Eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem künstlerisch-wissenschaftlichen Graduiertenkolleg „Ästhetiken des Virtuellen“ der HFBK Hamburg.

Beteiligte Künstler_innen

Die Zusammenarbeit von Eva Castringius, Joke Janssen und ANna Tautfest hat sich innerhalb des Graduiertenkollegs „Ästhetiken des Virtuellen“ (HFBK Hamburg) entwickelt. Ihre jeweiligen Arbeiten basieren auf der engen Verbindung zwischen Wissenschaft und Kunst, in denen Virtualität mit Material eng-gelesen wird und sich in Brechungen, viskoser Langsamkeit oder verschmelzender Körnung aktualisiert.

Eva Castringius www.evacastringius.de

Die Virtualität der Verwüstung. Nukleare Landschaften und ihre Abbildbarkeit

In dem Promotionsvorhaben beschäftige ich mich mit der Abbildbarkeit von Radioaktivität im Zusammenhang mit Fotografie. Es werden die Anfänge des Atomzeitalters thematisiert und hierbei die Grenzen und Möglichkeiten des Mediums Fotografie reflektiert. Im Zentrum der Arbeit steht die Sichtweise einiger ausgewählter japanischer und US-amerikanischer Fotografen, die in ihrem eigenen Land die Atombombenverwüstungen fotografierten und wesentlich zur landeseigenen Aufarbeitung ihrer ‚atomaren Geschichte’ beitrugen. Im Fokus stehen zwei nuklear verwüstete Orte: Hiroshima/Nagasaki nach den Atombombenabwürfen von 1945, und die Nevada Test Site als bedeutendstes Atomwaffentestgebiet der USA seit 1951. Diese beiden Orte stehen einerseits als räumliche Anordnungen und andererseits als kulturelle Konstruktionen paradigmatisch für die Auswirkungen der Geschichte von Atomwaffentests.

Eva Castringius studierte bildende Kunst an der Hochschule der Künste Berlin und schloss ihr Meisterschülerstudium bei Prof. Leiko Ikemura ab. Zuvor hat sie ein Magisterstudium der Kunstpädagogik, Kunstgeschichte und Psychologie an der Ludwig-Maximilian-Universität München absolviert. Während eines längeren Aufenthalts in den USA mit einem Stipendium der Villa Aurora begann sie sich mit Industrielandschaften im Südwesten der Vereinigten Staaten zu beschäftigen und jüngst mit den nuklearen Testlandschaften der Nevada Test Site. Im Gegenzug zu ihren Aufenthalten in den USA reiste sie 2013 nach Japan und vertiefte vor Ort ihre Recherche zu den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki. Die Künstlerin ist mit verschiedenen Preisen und Stipendien ausgezeichnet worden. Ihre Arbeiten werden international in Galerien und Museen gezeigt.

Joke Janssen

(Trans*) Körper // ohne Körper
„The transsexual body is an unnatural body.“ (Stryker 2006)

In meinem Dissertationsprojekt suche ich nach alternativen, queeren Darstellungsweisen von Trans*, sowohl theoretisch als auch in künstlerischer Umsetzung. Künstlerische Darstellungen von Trans* zeigen häufig (nackte) Körper als andere Körper der Norm; mit sichtbaren Auswirkungen operativer und hormoneller Eingriffe. Solche Repräsentationen sind problematisch, da über identitäre Visualisierungen immer nur bestimmte Körper und Identitäten gezeigt und andere aus dem Feld des Erkennbaren ausgeschlossen werden.

Daher versuche ich Nicht_Darstellungsweisen von Körpern zu entwickeln, die zwar in Zeit und Raum verortet werden können und auf trans*relevantem Wissen und Politiken aufbauen, sich aber nicht auf eine Darstellung biologischer Körperlichkeit verlassen. Jenseits von Dichotomien und linear-zeitlichen Körpergeschichten werden trans*-spezifische Mehrdeutigkeiten und Füllungen von Zwischenräumen gesucht. Dazu eigne ich mir den pathologisierten Falschen Körper als radikal störenden an, der in verschiebender Wiederholung der Norm Vorstellungen von Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität verrät. Dieser Körper soll/kann über Gefühle und Erinnerungen der Betrachtenden als Trans*Körper ohne Körper in Zwischen_RaumZeit imaginiert werden.

Joke Janssen hat in Hamburg Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser, Soziologie (mit dem Schwerpunkt Postcolonial Studies) und Gender und Queer Studies studiert. Sei_ne Magisterarbeit war eine Diskursanalyse zu Verhandlungen von Familie und Verantwortung in Bezug auf das Cochlea-Implantat bei Kindern gehörloser/tauber und schwerhöriger Eltern. Jokes Arbeitsweise ist intersektional geprägt, zentriert den Körper innerhalb normierender und normalisierender Verhältnisse und verfolgt dabei einen ethisch wie lebenspraktischen Anspruch der Diversifizierung des Möglichen.

ANna Tautfest

Futur II: es wird gewesen sein. Möglichkeiten vorwegnehmender Einschreibung (AT)

In dem Promotionsvorhaben werden ästhetische Schreibweisen untersucht, die eine nahe Zukunft skizzieren, in welche eine Verschiebung der momentanen Verhältnisse eingebaut ist. Spezifische Formen des Science Fiction oder Speculative Fiction werden auf Wirkmächtigkeit hinsichtlich einer Rückprojektion auf die Gegenwart analysiert. Der Fokus liegt hierbei auf Produktionen, die aus einer marginalisierten Position heraus eine Zukunft entwerfen, die die Gegenwart spiegelt und in einer Verschiebung dieser eine Umschrift der geläufigen Narrationen hervorbringt. In der zeitlichen und grammatikalischen Figur des Futur II – von etwas, was gewesen sein wird – zeigt sich die Möglichkeit einer Vereinnahmung der Gegenwart durch die Erzählung einer Zukunft. Im Film beispielsweise wird durch die (immer wieder neu aufgeführte) Projektion des bereits vorhandenen Materials die Rückeinschreibung einer zukünftigen Vergangenheit an sich schon deutlich. Die Aktualisierung des Materials im je spezifischen Kontext erzeugt Ausprägungen des Virtuellen, die zu (minimalen) Verschiebungen in der Gegenwart führen. Spekulative Erzählungen werden daher aus den Bereichen Film, Musik und Bildender Kunst herangezogen und auf ihre Fähigkeit zur Rückeinschreibung untersucht. Hierbei rücken besonders Werke aus dem feministischen und postkolonialen Kontext in den Fokus.

Anna Tautfest studierte Architektur und bildende Kunst an der Universität der Künste in Berlin, der Escola Tècnica Superior d’Arquitectura del Vallès in Barcelona, der Art Students League in New York und der Hochschule für bildende Künste (HFBK) Hamburg. 2014 schloss sie ihr Masterstudium an der HFBK Hamburg in Kunst und Theorie zum Thema der Mimikry in Feministischer und Postkolonialer Theorie ab. In Berlin gründete sie den Projektraum Bau Kein Scheiß, in dem zahlreiche Ausstellungen, KünstlerInnengespräche und die Workers Punk Art School veranstaltet wurden. Weitere Kollaborationen u.a. mit transitlounge, Kino24, MaterialMafia. Ausstellungsbeteiligungen u. a. transmediale am Haus der Kulturen der Welt Berlin (2009), Program Gallery, Berlin (2009), Schuckert Höfe, Berlin (2010), BKS, Berlin (2010), ASA Studios, Hamburg (2012), P/ART, Kunstfrühling Bremen (2014).

 


Kunstverein Harburger Bahnhof
Harburger Fernbahnhof
Hannoversche Str. 85 (über den Gleisen 3+4)

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag, 14 – 18 Uhr, Eintritt frei

21. Oktober – 12. November 2017

Eröffnung am Freitag, 20. Oktober 2017, 19 Uhr
Pressegespräch am Freitag, 20. Oktober, 11 Uhr

Sonnabend, 28. Oktober 2017: „tutunmak. sich halten“, kollektive Performance
Sonnabend, 12. November 2017: Track_6 Widerständige Materialitäten, Reihe „Track Academy“

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