ELIF SAYDAM – Geschmack und Klasse | Kunstverein Harburger Bahnhof

Abb.: Elif Saydam - Matador, 2016, Detail

Für ihre Ausstellung im Kunstverein Harburger Bahnhof greift Elif Saydam die dortige Architektur und vorangegangene Nutzung der Räume auf: als Wartesaal 1. und 2. Klasse zu der Zeit, als der Bahnhof Ende des 19. Jahrhunderts gebaut wurde, bis hin zu einer Zwischennutzung als Spielhalle. In ihnen zeigen sich das Oben und Unten der sozialen Klassen, die Gegensätze von Prekariat und Selbstermächtigung, die Saydam in ihrem ebenso tiefgründigen wie humorvollen Werk fortlaufend thematisiert.


Während die Architektur des Raumes für das Ausstellen von Malerei eher ungeeignet erscheinen mag, ist es gerade diese Herausforderung und die Notwendigkeit einer eigenen räumlichen Bestimmung und Verortung jenseits der weißen Wand und des abgeschlossenen Leinwandbildes, die in Saydams Arbeiten inhaltlich motiviert angelegt sind.

Wie manifestiert sich das Verhältnis zwischen Geschmack und Klasse in öffentlicher Ornamentierung? Welcher Anspruch und welches Begehren werden darin befriedigt?

Der Einfluss, den falschen Versprechungen und Verheißungen auf Arbeit und Konsum, auf Wertigkeiten, Geschmack und Klasse haben, ist der strukturelle Antrieb, der unser System am Laufen hält wie ein Perpetuum Mobile. Fortwährend entstehen neue Arbeitsformen und neue Konsument:innen, aber die Rollen, die es zu erfüllen gilt, damit die inhärenten Logiken des Systems nicht in sich zusammenfallen, sind festgelegt und manifestieren sich in Architektur und Symbolen.

Elif Saydam - Spot the difference, 2020
Inkjet-Transfer, samtene Buchstaben, Stickers, Gesso, pures Silber, 22.5 Karat Gold, 
Öl auf nicht grundierter, handgestickter Leinwand 85 × 120 cm, Galerie Rüdiger Schöttle

Ausgehend von der Malerei widmet sich Elif Saydam der Beziehung zwischen Geschmack und Klasse. Das Dekorative, wie sie es in der ottomanischen Miniaturmalerei ebenso findet wie in den emotionsgeladenen Symbolen des Alltags, nutzt sie dabei als transgressives Potential. Sie verbindet Techniken und Stile aus dem Surrealismus, der Abstraktion, dem Cartoon sowie der angewandten Kunst, ohne sich auf eines dieser Genres festzulegen.

ELIF SAYDAM

…schläft sich durch

10. April – 6. Juni 2021 | Eintritt frei

Kuratorin: Annette Hans
Abb.: Elif Saydam

Der Blaue Salon und post-revolutionärer Alltag

Text: Annette Hans, Kuratorin der Kunstschau

Bevor der frühere Wartesaal für Bahnreisende der 1. und 2. Klasse zur Hamburg-Harburger Kunstinstitution wurde, diente er zeitweilig als Spielhalle. Diese wechselhafte Vergangenheit und die damit einhergehenden wechselnden sozialen Spaltungen verdichten sich in der Geschichte seines Hinterzimmers. Der sogenannte Blaue Salon war reserviert für den Adel, wenn nicht, so wird es erzählt, für den Kaiser selbst. Mit einem flauschigen Spielhallen-Teppich verwandelt Saydam den Raum in eine chimärische Mischform. Der Teppich nimmt Bezug auf die exklusive Vergangenheit des Raumes und die handgemalten Motive an der Decke des Wartesaals ebenso wie jene Elendsorte, die sich häufig in der Nähe der einarmigen Banditen im Hinterzimmer von alten Kneipen finden lassen. Ein großer Teil des Lebens ist bestimmt vom Warten; Warten auf den schnellen Reichtum oder auf den Zug, der vielleicht niemals kommen wird.

Saydams Ausstellung verwandelt den großen Saal des Kunstvereins zur Kreuzigungsszene mit Hofkarten-Besetzung und beklagt das Oben, Unten und Dazwischen gesellschaftlicher Gruppierungen und ihrer ästhetischen Kategorien. An die Stelle religiöser Idole treten archetypische Kleidungsstücke, die die Rollenbilder des Konsums verkörpern, die Saydam genäht, bemalt, verziert und geschunden hat. Formal verweisen sie auf Varvara Stepanovas konstruktivistische Arbeiter:innen-Kleidung – prodezodezhda und sportodezhda –, mit denen neue Lebensweisen der post-revolutionären Gesellschaft ausgestaltet werden sollten. Saydams Arbeiten spannen buchstäblich die Widersprüche auf, die sich zwischen Sehnsüchten und endlos aufrechterhaltener Leistung auftun, und den symbolischen Einsatz, den es im Spiel um Erfolg zu erbringen gilt. Diese Verheißungen des guten Lebens – allesamt ausgerichtet auf das ‚Gewinnen‘ –, sind es, die in Saydams Arbeiten ständig wiederkehren, zusammen mit der unerträglichen Erschöpfung, die sie mit sich bringen.

Saydams malerische Eingriffe spielen mit dieser Zwiespältigkeit, indem sie abstrakte, verniedlichte Symbole neben eine eher traditionelle Bildsprache stellen und damit Wertzuschreibungen zwischen Trash und Ornament hinterfragen. Stellen Sie sich vor, Sie stehen vor einem einarmigen Banditen: Wie sind Weintrauben dargestellt und was repräsentieren sie? Stellen Sie sich vor, Sie stehen in einen königlichen Palast oder der Basilika Sagrada Familia: Welche Bedeutung haben Weintrauben hier? Der Umgang mit Symbolen und Objekten, die Arbeit und das Material, die in sie gesteckt werden, fließen in ihre ästhetische Wahrnehmung ein. Die damit verbundenen Affekte sagen etwas darüber aus, wie die Welt konstruiert ist und da sie stark von Hierarchien geprägt ist, sagen sie auch etwas aus über das Gewähren und Verweigern von Zugängen und Möglichkeiten. Zwischen Vorder- und Hinterzimmer, Decke und Boden stellt Saydam diese Ambivalenzen auch zur Beurteilung ihrer Arbeiten zur Disposition.


Elif Saydam (*1985 in Calgary, lebt in Berlin)

war Meisterschülerin in Malerei an der Staedelschule, Frankfurt am Main, Klasse Monika Baer/Amy Sillman 2016.

Ihre Arbeiten wurden international in Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt, unter anderem in der Kunsthalle Bern, Schweiz (2021), Tanya Leighton, Berlin (2020), Galerie Rüdiger Schöttle, München (2020), KunstWerke, Berlin (2018), Kunstverein Nürnberg – Albrecht Dürer Gesellschaft, Nürnberg (2016) und MMK Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main (2016).


Im Rahmen ihres Programms „Kataloge für junge Künstler“ ( Stipendien in Höhe von je bis zu 25.000 Euro ) vergab die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung in 2020 ein Stipendium an Elif Saydam für das Harburger Ausstellungsvorhaben und den dazu gehörigen Katalog.


Kunstverein Harburger Bahnhof
Im Fernbahnhof über Gleis 3 & 4

www.kvhbf.de

Elif Saydam …schläft sich durch

Saydams Arbeiten werfen Fragen auf nach Identität, Arbeit und sozialen Kämpfen in einer konsumorientierten, neoliberalen Welt.

Das Projekt ist Teil von Kanadas Kulturprogramm als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2021 und wird unterstützt durch die Botschaft von Kanada.

Ausstellung: 10. April – 6. Juni 2021

Öffnungszeiten: Mi – So von 14 – 18 Uhr
Eintritt frei

Der Kunstverein Harburger Bahnhof versteht sich als lebendiger Kunstraum im Süden Hamburgs, der sich der jungen Hamburger Kunstszene ebenso verpflichtet fühlt wie den internationalen Entwicklungen der aktuellen Kunstproduktion. Seit seiner Gründung 1999 befindet sich der Kunstverein im ehemaligen Wartesaal der 1. und 2. Klasse, des 1897 in Betrieb genommenen Bahnhofs. Er ist Präsentations- und Produktionsort für junge lokale, nationale und internationale Künstlerinnen und Künstler und ein offen zugänglicher Raum für alle interessierten Besucher_innen (der Eintritt zu den Ausstellungen und Veranstaltungen ist traditionell frei).

Sei 2019 werden auch erstmals vier Wandvitrinen in das Ausstellungsprogramm des Kunstvereins mit einbezogen, die sich auf Gleis 3 und 4 als jederzeit öffentlich zugängliche Ausstellungsflächen befinden. Für diesen neuen Spielort werden über das Jahr immer wieder Projekte realisiert, die sich konkret mit der Bahnhofsrealität und ihren zeitlichen, infrastrukturellen, emotionalen und sozialen Gefügen auseinandersetzen.

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